Zum Organisationsrebellen machen Dich die anderen

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Zum Organisationsrebellen machen Dich die anderen

Haufe hat eine Blogparade zum Thema Organisationsrebellen ins Leben gerufen. Darüber habe ich lange nachgedacht. Rebell klingt so negativ. Manche Eltern sagen zu ihren Kindern: „Sei nicht so rebellisch!“ Aber ich glaube, ich bin ein Organisationsrebell. Nicht weil ich einer sein will, sondern weil die anderen mich dazu machen. Weil ich Fragen habe.

Schon als Kind beschlich mich das Gefühl, dass die Realität irgendwie kaputt ist. Meine Eltern, Geschwister und Verwandten bewunderten mich für meine Phantasie; weil ich mir andere Welten und neue Spiele ausdachte. Aber ich glaube, sie verkannten, dass Phantasie kein natürliches Talent, sondern reine Notwehr ist.

Ich meine auch nicht dieses Gefühl, das uns beschleicht, wenn wir derzeit die Nachrichten anschalten und man den Eindruck gewinnt, dass die Welt kurz vor dem Abgrund steht. Ich bin (glaube ich) kein großer Weltverbesserer. Ich meine vielmehr dieses alltägliche Gefühl, das uns beschleicht, wenn wir unsere direkte Umgebung erleben. Das Ganze folgt festen Regeln, Abläufen und Mechanismen und wir wissen oft im Voraus, was passieren wird, weil sich so vieles wie auf Schienen bewegt. Nur ergibt es meistens keinen Sinn.

Spiele und Geschichten

Spiele und Geschichten sind etwas Wunderbares. Nicht, weil sie es uns ermöglichen, dem Alltag zu entfliehen. (Eskapismus ist auch keine Lösung.) Geschichten und Spiele machen etwas – wie ich finde – sehr Bemerkenswertes. Sie nehmen die einzelnen Bausteine, aus der die Welt zusammengesetzt ist, und fügen sie neu zusammen. Ganz so, als wäre sie ein großes LEGO-Set. Natürlich, manchmal wird geschummelt und vereinfacht. Oder es werden neue Steine, die es (noch) nicht gibt, hinzugefügt. Aber Tatsache ist, dass gute Spiele und gute Geschichten nichts Neues erfinden. Sie zerlegen lediglich das, was wir als vermeintlich unveränderliche Realität des Alltags wahrnehmen, in seine Einzelteile und bauen daraus etwas Neues. Etwas Anderes.

Spiele und Geschichten sind Gedankenspiele. Sie sagen uns: „Hey, guck mal! Wenn wir das Ganze so und so zusammensetzen, passiert das und das. Wie findest Du das?“ Und das Spannende daran ist nicht, dass das, was Spiele und Geschichten kreieren, besser oder schöner ist. Das wirklich Bemerkenswerte daran ist, dass wir beide dazu nutzen können, sie als Blaupause über die Realität zu legen. Das hilft zum einen zu verstehen, nach welchen Prinzipien wir die Institutionen, Organisationen und andere soziale Gemeinschaften zusammengesetzt haben und warum sie so funktionieren, wie sie funktionieren. Zum anderen verstehen wir dadurch aber auch sehr gut, welches Weltbild unseren Konstrukten zugrunde liegt.

Organisationen, Institutionen, Unternehmen und soziale Gemeinschaften errichten ihre Welt nach den Prinzipien, die sich aus ihrem Weltbild ableiten. Wenn wir selbst davon überzeugt sind, dass Menschen nur dann arbeiten gehen, wenn wir ihnen dafür Geld geben, dann konstruieren wir Arbeitsumgebungen genau nach diesem Vorbild. Interessanterweise dienen diese Institutionen aber gleichzeitig auch als Beweis dafür, dass es tatsächlich so ist. Barry Schwartz hat darüber einen sehr interessanten TED-Talk gehalten, den ich sehr empfehlen kann: The way we think about work is broken.

Spiele und Geschichten zeigen uns Alternativen. Sie zeigen uns andere Glaubenssysteme und sie zeigen uns auch, wie Organisationen, Institutionen und Gemeinschaften aussehen und funktionieren würden, wenn wir dieses Glaubenssystem in die Praxis umsetzen. Nichts anderes macht Jane McGonigal in ihrem lesenswerten Buch Reality is broken. Sie zeigt uns, woran Gamer glauben und wie Spiele Motivation erzeugen. Und dann zeigt sie uns, warum die Realität kaputt ist und wie wir sie reparieren können.

Philosophen und ihre Gedankenspiele

In René Descartes Meisterwerk Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, aus dem die meisten den berühmten Satz „Ich denke, also bin ich“ kennen werden, steht eine sehr bemerkenswerte Passage:

Sind doch auch die Maler, selbst wenn sie Sirenen und Satyre in den fremdartigsten Gestalten zu bilden versuchen, nicht imstande, ihnen in jeder Hinsicht neue Eigenschaften zuzuteilen, sondern sie mischen nur die Glieder von verschiedenen lebenden Wesen durcheinander oder wenn sie vielleicht etwas so unerhört Neues sich ausdenken, wie man ähnliches überhaupt nie gesehen hat, das also ganz und gar erfunden und unwahr ist, so müssen doch zumindest die Farben wahr sein, aus denen sie es zusammensetzen.

Die Philosophie macht im Grunde genau das Gleiche, was gute Spiele und Geschichten tun: Sie zerlegt die Welt in ihre Einzelteile, um herauszufinden, wie sie funktioniert. Genauso wie Spiele und Geschichten setzt sie diese Teile neu zusammen und versucht herauszufinden, wie die Dinge wirklich sind. Nicht umsonst ist das Gedankenspiel (sic!) eines der beliebtesten Erkenntnismethoden in der Philosophie. Philosophen überlegen sich eine Menge abstruse Beispiele, um dem Kern der Sache auf den Grund zu gehen. Aber so abstrus diese Beispiele auch sein mögen, decken sie die Prinzipien auf, nach denen die Welt funktioniert.

Fragen sind eine Bedrohung

Das wichtigste Werkzeug, das die Philosophie nutzt, um die Wahrheit herauszufinden, ist die Frage. Schon in der Sesamstraße haben wir gelernt: Wer nicht fragt, bleibt dumm. Aber genauso wie die meisten Menschen irgendwann damit aufhören zu spielen, hören sie auch damit auf zu fragen. Je erwachsener wir werden, desto mehr wird von uns erwartet, dass wir vor allem Antworten haben. Lehrer, Eltern, Führungskräfte, Politiker und CEO’s haben vor allem eines: Antworten. In den sozialen Medien, Blogs und Webseiten des Internets kriegen wir sie als mundgerechte Häppchen in Form von Checklisten serviert. Kurioserweise beschäftigt sich aber kaum jemand mit der Frage, die dort ursprünglich einmal stand, und auch nicht mit dem Weltbild, das die Antworten erzeugt hat.

In dieser Welt voller Antworten verfestigt sich der Eindruck, dass die Arbeitswelt so sein muss, wie sie ist.

Weil wir täglich nur die Antworten hören, die gebetsmühlenartig heruntergeleiert werden. Die Wirtschaftselite hat eine klare Antwort. Politiker haben eine klare Antwort. CEO’s haben eine klare Antwort. Wer Fragen stellt, macht sich verdächtig, weil er offensichtlich keine Antworten zu bieten hat.

Stellt man tatsächlich einmal eine Frage, ist das gesamte System plötzlich irritiert. Der große Wirbel um das, was derzeit als New Work die Gemüter bewegt, entstand durch eine Frage:

Wie wollen wir arbeiten?

Interessanterweise ist diese Frage jedoch bereits unter einem Berg von klaren und weniger klaren Antworten begraben. Wir haben ja schon eine Menge Antworten, jetzt geht’s eigentlich nur darum, die richtigen herauszupicken, oder? Sonst verwässert der Begriff noch und jeder versteht etwas anderes unter New Work. Wo kommen wir da auch hin, wenn diese Frage sich nicht eindeutig beantworten ließe?! Die ersten Heilsbringer mit klarer Antwort gibt es bereits. Und natürlich einige Gegenkandidaten. Aber statt sich darüber zu freuen, dass diese – wie ich finde – sehr wichtige Frage überhaupt gestellt wurde und endlich eine (längst überfällige) Diskussion beginnt, sind die meisten New-Work-Pragmatiker schon wieder dabei, den durch die Frage entstandenen Riss mit einem Füllhorn von Antworten wieder zu kitten. „Wir haben das Loch jetzt zugespachtelt, ihr könnt wieder an die Arbeit gehen!“

Für’s Protokoll:

Die New-Work-Bewegung findet ihren Ursprung beim Philosophen Frithjof Bergmann.

Nicht die Politik, nicht die Schule, nicht die Wirtschaftselite mit ihren Antworten hat diese Bewegung begründet. Die Philosophie war es. Mit einer Frage.

Wenn wir einen Blick auf die Philosophie werfen, fällt dort ein Muster auf: Mit den meisten wichtigen Fragen beschäftigt sie sich schon über 2000 Jahre und die Anzahl der Antworten, die von den meisten Philosophen relativ unbestritten sind, ist recht übersichtlich. Spontan fällt mir da nur der kategorische Imperativ und das Cogito ergo sum von Descartes ein. Keine besonders berauschende Bilanz, wenn man einmal die Maßstäbe der Wirtschaft zugrunde legt. Umgekehrt kann man aber auch vielleicht sagen, dass die Wirtschaft zwar viele Antworten produziert hat, sich aber nur wenige Fragen stellt.

Zum Organisationsrebellen machen Dich die anderen

Die Philosophie hat mich gelehrt, dass man mit Fragen zum Kern einer Sache vordringen kann. Spiele und Geschichten haben mich gelehrt, die Bausteine neu zusammenzusetzen. Die eigentliche Kunst ist es, die richtigen Fragen zu stellen. Wenn wir das zugrunde liegende Weltbild erkannt haben, ergeben sich die Antworten daraus von alleine. In der Welt der Unternehmen sind Fragen eine Bedrohung. Nicht umsonst findet ein Großteil der New-Work-Diskussion außerhalb der Arbeitswelt statt. Machen Sie einmal den Selbsttest und fragen Sie im nächsten Meeting Ihren Chef, warum der momentane Prozess so ist, wie er ist und ob man ihn nicht auch anders durchführen könne. Oder wenn Sie’s ganz krass haben wollen, stellen Sie folgende Frage: „Warum gibt es unser Unternehmen?“ Oder wenn der nächste Heilsbringer sagt: „Die Wirtschaft braucht/ist/zwingt uns …“, fragen Sie ihn oder sie einmal: „Was ist denn ‚die Wirtschaft‘?“

Es wird hektisches Geraschel geben und höchstwahrscheinlich wird man Ihnen dann entweder ein Manifest herunterbeten oder sie ermahnen, dass das „ja wohl glasklar“ wäre. „Das ist doch glasklar“ ist das Sei-nicht-so-rebellisch! für Erwachsene.

Nur wer Fragen stellt, kann zum Kern einer Sache vordringen. Aber in der (Arbeits-)Welt voller Antworten macht Dich das Stellen einer Frage zum Rebellen. Nicht, weil es rebellisch ist, Fragen zu stellen. Sondern weil diejenigen, die sich auf Antworten konzentrieren, auch von Dir lediglich Antworten hören wollen. Das macht Dich zum Organisationsrebellen. Aber zum Organisationsrebellen machen Dich die anderen. Die Menschen mit den Antworten.

Spiele, Geschichten und Philosophie helfen uns dabei, die Bausteine, die wir durch Fragen erlangen, neu zusammenzusetzen. Als Gedankenspiel. Spiele zeigen uns, dass Kontexte und Umgebungen denkbar sind, die uns zu Höchstleistung anspornen, ohne dass wir dafür bezahlt werden. Verrückt! Spiele zeigen uns auch, dass wir durch Kooperation und Gemeinschaft mehr erreichen können als im Alleingang. Wir spielen sogar freiwillig. Von der Arbeit glauben wir, dass es dort unmöglich ist: Arbeit darf keinen Spaß machen.

Ich bin ein Organisationsrebell

  • Ich bin ein Organisationsrebell, weil ich Fragen stelle.

  • Ich bin ein Organisationsrebell, weil andere mich dazu machen.

  • Ich bin ein Organisationsrebell, weil ich an eine Arbeitswelt glaube, in der Menschen darauf brennen, am Montag endlich wieder zur Arbeit gehen zu dürfen.

  • Ich bin ein Organisationsrebell, weil ich Eure Antworten nicht glaube und infrage stelle.

Von | 2018-02-28T13:26:16+00:00 28. Februar 2018|Kategorien: Gamification, Motivation, Organisationsentwicklung|Tags: , |1 Kommentar

Über den Autoren:

Ich glaube an eine Arbeitswelt, in der Menschen darauf brennen, am Montag endlich wieder zur Arbeit gehen zu dürfen. Deshalb inspiriere ich Menschen, Unternehmen und Organisationen, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass sich Motivation und Engagement entfalten können.

Ein Kommentar

  1. […] 28. Februar 2018 | Zum Organisationsrebellen machen Dich die anderen […]

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