Vor vielen Jahren, als John Kounios einmal nachmittags durch die Stadt ging, beobachtete er, wie sich zwei Frauen neben dem Bürgersteig zankten. Zuerst erschreckte ihn der Anblick. Dann merkte er, dass eine der Frauen die andere verprügelte, und er beschloss einzugreifen.

Als John jedoch nur noch einen bis anderthalb Meter entfernt war, sah er, dass eine der Frauen der anderen eine Pistole in die Rippen bohrte und versuchte, ihrem Opfer die Handtasche zu entreißen. Als sie John näher kommen sah, drehte sich die Angreiferin zu ihm um und richtete die Waffe auf ihn. Natürlich wich er zurück und sagte sich, dass er sich das Gesicht der Angreiferin gut einprägen musste, damit er später der Polizei eine genaue Beschreibung von ihr geben konnte. Er strengte sich sehr an, schaffte es aber nicht. Er war völlig auf die Pistole fixiert und brachte einfach nicht die Willenskraft auf, sein Fokus zu verschieben oder zu erweitern. Die Täterin schnappte sich die Handtasche und rannte davon, und später konnte John lediglich eine vage Beschreibung der Diebin geben. Die Pistole aber konnte er bis ins Detail beschreiben.(1)

Dieses Beispiel für den sogenannten „Waffenfokus“ ist nur eines von vielen. Wenn wir uns bedroht fühlen und in unserem Gehirn der Mandelkern (Amygdala) aktiviert wird, um unseren Köper in Alarmbereitschaft zu versetzen, verengt sich unser Blickfeld und ein Tunnelblick entsteht. Wir sehen in bedrohlichen Situationen eben nur noch die jeweiligen Quellen für Gefahren, nicht mehr jedoch das große Ganze. Für Reaktionen und Gegenwehr greift unser Gehirn auf bewährte Routinen zurück, die sich in ähnlichen Situationen bereits bewährt haben. Das sind die sogenannten Bottom-Up-Prozesse. Diese sind energiesparend und vor allem schnell, da sie als Routine in den unteren Hirnschichten abgespeichert sind. Allerdings haben sie auch einen gravierenden Nachteil: Da es sich um Routinen handelt, stehen uns in Stress- und Angstsituationen nur automatisierte Handlungsabläufe zur Verfügung. Zum Nachdenken oder kreativer Ideenfindung bleibt in der Regel ohnehin keine Zeit.

So zerstört Angst kreatives Denken

Neben einem Tunnelblick erzeugt Angst auch ein Tunneldenken. Durch eine negative Stimmung wird unser Denken verengt, während es durch eine positive Stimmung erweitert wird. Die Kreativitätsforschung hat herausgefunden, dass glückliche Menschen in entfernten Verknüpfungen und in umfassenden Kategorien denken. Sie sehen also eher die Gemeinsamkeiten zwischen den Dingen.

Positive Gefühle wie Gelassenheit, Freude oder Liebe erweitern unseren Horizont und helfen uns dabei, die Verbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen den Dingen erkennen zu können. Eine positive Atmosphäre auf der Arbeit hilft uns, gewohnheitsmäßige Routinen abzulegen und neue Möglichkeiten und Denkweisen in Betracht zu ziehen. Fröhlichkeit hilft uns also, das Tunneldenken abzulegen und unser Wissen über die Welt zu erweitern und einzuordnen. Sie erzeugt einen umgekehrten Waffenfokus.

Die jüngste Hinrforschung bestätigt das, was wir bereits häufig mit gesundem Menschenverstand erklären. Der Grund liegt im sogenannten anterioren cingulären Cortex.Dieser Bereich schlichtet Handlungskonflikte im Gehirn, wenn mehrere Optionen zur Verfügung stehen. Bei schlechter Stimmung, wird er mit wenig Energie versorgt und gibt dann meist der offensichtlicheren Lösung den Vortritt. Bei guter Stimmung erspürt er alternative und kreative Lösungen und gibt diese häufiger an den präfrontalen Kortex weiter, in dem unsere Aufmerksamkeit sitzt. Eine gute Stimmung fördert daher ein ausstreuendes, divergentes Denken, während eine schlechte Stimmung eher konvergentes, analytisches Denken fördert.

Anmerkungen   [ + ]

1.Die Einleitung dieses Blogartikels stammt aus „Das Aha!-Erlebnis„, Seite 151