Eine sehr gute Methode, um die eigene Seminar- und Workshopplanung zu evaluieren, sind die Lernstile nach David Kolb. Denn so lässt sich leicht auswerten, ob man sich in der Konzeption vielleicht zu sehr auf den einen oder anderen Lernstil konzentriert hat und so Lerner mit einem anderen Lernstil vernachlässigt.

Kolbs Modell geht von zwei verschiedenen Dimensionen aus: Auf der einen Achse geht es um Aktives Experimentieren & Beobachtende Reflexion, auf der anderen Achse geht es um Konkretes ErlebenAbstrakte Begriffsbildung. Diese beiden Dimensionen werden als Koordinatensystem übereinander gelegt, sodass sich insgesamt vier verschiedene Lernstile ergeben.

Akkommodierer

Beim Akkommodierer sind die Aspekte Aktives Experimentierenund Konkretes Erleben besonders stark ausgeprägt. Es handelt sich also um einen echten Praktiker, der sich nicht lange mit Konzepten und Theorien (oder Betriebsanleitungen) beschäftigt, sondern direkt durchstartet und Neues sofort ausprobiert. Probleme werden von ihm gerne durch „Try and Error“ gelöst und es interessiert ihn meist auch nicht weiter, was genau hinter der Lösung steckt. Diese Lerner sind meistens sehr spontan und melden sich für Rollenspiele oder Tests in einem Seminar gerne freiwillig. Akkommodierendes Lernen erzeugt meistens implizites Wissen, also Wissen, das wir nur schwer in Worte fassen können.

Divergierer

Der Divergierer braucht zwar wie der Akkommodierer Konkretes Erleben anhand praktischer Beispiele für sein Lernen, allerdings muss er sich dabei nicht aktiv beteiligen, sondern nimmt lieber die Rolle des Beobachters ein. Wenn in einem Workshop oder Seminar Übungen durchgeführt werden, schaut er genau zu und kann das Erlebte leicht aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten, da Divergierer eine große Vorstellungskraft besitzen.

Assimilierer

Der Assimilierer ist wie der Divergierer eher passiv und mag es lieber zu beobachten, statt aktiv am Lernprozess in der Gruppe teilzunehmen. Seine große Stärke liegt darin, Schlussfolgerungen zu ziehen und aus seinen Beobachtungen Verallgemeinerungen und Theorien zu entwickeln, um so aus Einzelfakten neue Begriffe und Konzepte zu entwickeln. Assimilierendes Lernen erzeugt in der Regel explizites Wissen, also Wissen, das vor allem sprachlich als Modell oder System wiedergegeben werden kann.

Konvergierer

Der vierte und letzte Lernstil ist der Lernstil des Konvergierers. Er mag zwar auch gerne Theorien, allgemeine Begriffe und Konzepte, allerdings braucht er für seinen Lernprozess eine praktische Umsetzung, um so über aktives Experimentieren seine Theorie zu bestätigen (oder zu widerlegen). Er kann somit leicht eine Theorie auf ihre Richtigkeit überprüfen und findet schnell heraus, was tatsächlich funktioniert oder eben nicht.

Jeder Mensch hat alle vier Lernstile

Bei aller Eingängigkeit der Lernstile nach Kolb darf man jedoch nicht vergessen, dass jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad jeden der vier Lernstile kennt und anwenden kann. Meist herrschen jedoch ein oder zwei Lernstile besonders stark vor, während zwei bis drei andere Lernstile eher schwächer ausgeprägt sind.

Außerdem durchläuft ein Lernprozess sehr häufig alle vier Dimensionen: Wir versuchen beispielsweise durch Ausprobieren an einem Gegenstand etwas herauszufinden (Akkommodierer) und machen dabei unterschiedliche Entdeckungen (Divergierer). Anschließend entwickeln wir aufgrund unserer Beobachtungen eine Theorie über den Lerngegenstand (Assimilierer), die wir danach über ein Experiment auf ihre Richtigkeit überprüfen (Konvergierer).

Welche Lernstile betont mein Seminar/Workshop?

Die vier Lernstile nach Kolb können Dir helfen, sich darüber klar zu werden, ob Du nicht den einen oder anderen Lernstil in Deiner Konzeption zu stark betont und andere Lernstile dafür vernachlässigt hast. Deshalb ist es grundsätzlich sinnvoll, sich während (oder nach) der Planung für jedes Seminarelement ein Notiz zu machen, für welchen Lernstil dieses Element besonders geeignet ist. Auf diese Weise kannst Du leicht sichtbar machen, ob Du eventuell Menschen mit einem speziellen Lernstil „ausschließt“ oder ihnen das Lernen besonders schwer machst, weil Du insgesamt zu wenig auf ihren Lernstil eingehst.

Sehr interessant zum Thema Lernstile ist im Übrigen auch dieser Bericht von Heidi Möller, in dem man über eine Gruppe lesen kann, welche die eigenen Lernstile analysiert und weitergehende Fragen dazu entwickelt hat.