Im letzten Artikel über Wardley Maps habe ich Euch die sechs besonderen Merkmale von Karten erklärt: Karten sind visuell (1) und haben Komponenten (2). Diese Komponenten haben eine bestimmte Position (3) relativ zu einem Anker (4), sind kontextspezifisch (5) und ermöglichen Bewegung (6). Heute geht es darum zu verstehen, wie Du mit Wardley Maps die Landschaft verstehen kannst, in der Deine Organisation mit ihrem Produkt agiert.

Wie Du im letzten Artikel am Schach-Beispiel bereits erfahren konntest, haben diejenigen Organisationen, die einen Überblick über die aktuelle Situation haben, einen großen Vorteil gegenüber denen, die sie eben nicht haben. Simon Wardley nennt das auch situational awareness. Aber wie kann man mit Wardley Maps die Landschaft sichtbar machen? Wie könnte eine Karte aussehen, die für strategische Entscheidungen genutzt werden kann?

Die Wertschöpfungskette

Stell Dir vor, Du bist der Hersteller einer großen Enzyklopädie und wir befinden uns in den 80er Jahren. (Computer sind wenig verbreitet und das Internet ist noch ein Spielplatz für Forscher an Universitäten.) Für Dich ist aktuell ausschließlich relevant, welche Komponenten Deiner Wertschöpfungskette Du selbst produzieren und welche Du einkaufen solltest.

Wenn Du Dein Geschäftsmodell mit einer Wertschöpfungskette betrachtest und Deine Kunden mit ihren Bedürfnissen an deren Endpunkt stellst, könnte diese (vereinfacht) folgendermaßen aussehen: Der Bedarf, den Deine Kunden haben, ist Wissen. Diesen Bedarf stillst Du mit Hilfe Deiner Enzyklopädie. Deine Enzyklopädie hingegen benötigt natürlich Inhalte. Um diese verfügbar zu machen, brauchst Du ein Medium, auf dem diese Inhalte festgehalten sind.

Wertschöpfungskette

In den 80er Jahren war dieses Medium natürlich ein Buch und deshalb benötigst Du für Deine Enzyklopädie den Buchdruck. Wenn es allerdings keine Redakteure und Autoren gibt, die Dir Inhalte liefern, kannst Du auch nichts drucken. Am Anfang Deiner Wertschöpfungskette befinden sich Elemente wie Papier und sogar Holz. (Holz befindet sich zwar weit vorne in Deiner Wertschöpfungskette, aber nichtsdestotrotz könntest Du ohne Holz den Bedarf Deiner Kunden nicht bedienen.)

Welche Merkmale von Karten erfüllt eine Wertschöpfungskette?

Nehmen wir nun die sechs Merkmale von Karten zur Hilfe, die Simon Wardley definiert, können wir erkennen: Deine Wertschöpfungskette ist visuell (Merkmal 1) und besitzt verschiedene Komponenten (Merkmal 2). Sie hat einen Anker in Form Deines Kunden (Merkmal 4) und dieser Anker definiert die Position der einzelnen Komponenten (Merkmal 3) untereinander. Je weiter entfernt sich eine Komponente vom Kunden befindet, desto weniger sichtbar (und interessant) ist sie für ihn. Dein Kunde mag sich für Deine Enzyklopädie interessieren, da er sich Informationen daraus besorgt, aber dass Du zur Herstellung auf Papier (und letztlich auch auf Holz) angewiesen bist, ist ihm wahrscheinlich egal.

Was Deiner Wertschöpfungskette allerdings fehlt, ist Bewegung (Merkmal 6).

Mehr erfahren

Dein Weg zur innovativen Unternehmensstrategie!

Du möchtest agile Tools dazu nutzen, bessere strategische Entscheidungen für Deine Organisation zu treffen? In unseren Workshops zum Thema "Innovative Unternehmensstrategie" bringen wir Dir passende Tools & Werkzeuge näher und helfen Dir, Deine Organisation fit für die Zukunft zu machen!
Mehr erfahren

Evolution der Komponenten

Zurück zur Eingangsfrage: Welche Deiner Komponenten Deiner Enzyklopädie solltest Du selbst herstellen und welche nicht? Darüber ermöglicht Dir die Wertschöpfungskette keine Aussage, da Deine Komponenten starr sind und sich nicht bewegen. Um die Bewegung einer Komponente sichtbar zu machen, benötigen wir also eine zweite Dimension, sodass ein Koordinatensystem und somit eine Fläche (Landschaft) entsteht. Die zweite Dimension von Wardley Maps, die zur Entstehung der Landschaft führt, ist der momentane Entwicklungsstand (Evolution) einer Komponente.

Simon Wardley definiert vier unterschiedliche Evolutionsphasen einer Komponente: Genesis, Custom Built, Product und Commodity.

Genesis

Das Geburtsstadium einer Komponente ist gekennzeichnet durch viel Unsicherheit und einer sich beständig verändernden Umgebung. Der Fokus liegt zu diesem Zeitpunkt auf Erforschung, denn kaum jemand weiß, wozu diese Komponente nützlich sein könnte. Außerdem hat sie wahrscheinlich noch eine ganze Menge Kinderkrankheiten und ist nicht für den Alltagseinsatz tauglich. Im Großen und Ganzen ist die Genesis-Phase das, was wir komplexe Umgebungen nennen.

Custom Built

Komponenten in der zweiten Phase sind immer noch unüblich und relativ selten. Wir finden beständig neue Dinge über sie heraus. Sie werden individuell gefertigt und auf spezielle Anforderungen zugeschnitten. Man wird keine zwei Komponenten finden, die einander gleichen.

Product

Wenn eine Komponente die Phase des Products betritt, kann sie durch einen wiederholbaren, standardisierten Prozess hergestellt werden. Produkte sind genauer definiert und wir haben ein gutes Verständnis über ihre Funktionsweise erlangt. Veränderung ist seltener, da der gesamte Prozess der Herstellung und Nutzung stabiler ist als in den Phasen Genesis und Custom Built. Der Fokus liegt auf Verbesserung der Produkteigenschaften. Die Komponente ist in diesem Stadium bereits weit verbreitet und bekannt.

Commodity

Der Standard eines Produktes führt dann irgendwann dazu, dass es sich zu einem Allerwelts-Gegenstand verändert und Produkte von verschiedenen Herstellern kaum noch zu unterscheiden sind. Als Kunde nehmen wir an ihnen höchstens noch einen Preisunterschied wahr. Als Hersteller können wir im Grunde nur noch versuchen, die Herstellungskosten durch Effizienz in der Lieferkette und andere Maßnahmen zu optimieren. Komponenten in der Commodity-Phase sind so allgegenwärtig, dass sie von uns kaum noch wahrgenommen werden. (Strom ist hierfür ein gutes Beispiel.)

Die Landschaft einer Enzyklopädie in einer Wardley Map

Wenn wir diese vier Phasen nun als zweite Dimension zu unserer Wertschöpfungskette hinzufügen, erzeugen wir das, was in Wardley Maps Landschaft genannt wird. Jede Komponente hat eine eindeutige Position und bewegt sich evolutionär von links nach rechts innerhalb der Karte. (Dazu mehr im nächsten Blogartikel. Aktuell reicht es für uns erst einmal aus, festzustellen, wo sich unsere einzelnen Komponenten momentan befinden.)

Wardley Maps Landschaft Landscape

Unsere Enzyklopädie ist ein Product. Es gibt natürlich noch weitere Hersteller von Enzyklopädien, aber für unsere Kunden existieren noch wahrnehmbare Unterschiede in Qualität und Umfang, die vor allem auf den Inhalt zurückzuführen sind. Aber auch die Inhalte sind bereits in der Evolutionsphase Product. (Wir stellen ja keine kundenspezifischen Inhalte her.) Allerdings gibt es von Enzyklopädie zu Enzyklopädie inhaltliche Unterschiede und Schwerpunkte, sodass wir die Komponente „Inhalte“ etwas weiter links positionieren.

Es existieren außerdem Autoren und Redakteure, die für uns Inhalte erstellen. Hier gibt es einen großen Pool an fertig ausgebildeten Autoren und Redakteuren, auf den wir zurückgreifen können. Noch ausgeprägter und klarer definiert ist der Zustand unserer Komponenten Buchdruck, Papier und Holz. Alle drei befinden sich weit rechts in der Evolutionsphase Commodity. Es gibt jede Menge Druckereien, Papierhersteller und Holzlieferanten. Papier-Herstellungsverfahren und Drucktechniken sind hochentwickelt, sodass kaum noch Unterschiede – außer im Preis – wahrnehmbar sind.

Behandle Komponenten je nach Evolutionsphase unterschiedlich

Jede Komponente in Wardley Maps behandeln wir je nach der Position in unserer Landschaft unterschiedlich.

Wardley Maps Climatic Patterns 3 - No single Method fits all
  • Für Komponenten, die sich weit links befinden (Genesis und Custom Built), bieten sich agile Vorgehensweisen an, da diese am besten mit Komplexität und Unsicherheit umgehen können. Hier lohnt es sich, die Komponenten selbst zu erstellen, da zwar das Risiko und die Ungewissheit hoch ist, aber auch der Profit am höchsten ist.

  • Lean Management (z. B. mit Kanban) eignet sich für Komponenten im mittleren Bereich (Custom Built und Product). Die Herstellung oder den Betrieb der Komponenten übernehmen wir auch hier am besten selbst, da durch gute Prozesse viel Ertrag erwirtschaftet werden kann. Kauf- oder Mietmodelle werden jedoch immer attraktiver für uns, je weiter eine Komponente nach rechts rückt und sich dem Zustand der Commodity nähert.

  • Komponenten im rechten Bereich unserer Landschaft (Product und Commodity) sollten nach Möglichkeit ausgelagert werden und durch Dienstleister und Anbieter am Mark umgesetzt werden.

Strategische Entscheidungen anhand der Position in der Landschaft

Nun kannst Du sehr leicht sehen, dass es für Dich als Hersteller einer Enzyklopädie keinen Sinn ergeben würde, Papier (oder sogar Holz) selbst zu produzieren, da Du auf etablierte Anbieter am Markt zugreifen kannst. Auch den Druck Deines Produktes sollten Dienstleister für Dich übernehmen: Alle drei Komponenten befinden sich weit im rechten Bereich Deiner Wardley Map.

Die Inhalte Deiner Enzyklopädie mögen typisch für Dein Nachschlagewerk sein, aber Du kannst hierzu auf einen existierenden Pool von Redakteuren und Autoren zurückgreifen. Du brauchst also niemanden auszubilden oder anzulernen, sondern engagierst einfach kompetente Experten.

Was für die Herstellung einer Enzyklopädie noch leicht nachvollziehbar und sehr einfach zu verstehen ist, kann für die aktuelle Situation Eures Unternehmens schon schwieriger sein. Versuch’s einfach einmal selbst und zeichne eine Wardley Map für die Komponenten Eures Produktes. Überlege Dir, welche Komponenten Ihr in Eurem Unternehmen benötigt, um den Kundenbedarf zu erfüllen. In welcher Evolutionsphase befinden sich Eure Komponenten? Behandelt Ihr sie auch so, wie es sinnvoll ist? Oder entwickelt Ihr bestimmte Komponenten selbst, obwohl sie sich leicht mieten oder einkaufen ließen? (Schlimmstenfalls sogar mehrfach.)

Was passiert, wenn Komponenten in die nächste Evolutionsphase eintreten?

An dieser Stelle wird es nun spannend. Da unsere neue Dimension ja Evolution heißt und es um Bewegung geht, stellen sich eine Menge Anschlussfragen:

  • Was passiert (mit meiner Wertschöpfungskette), wenn sich meine Komponenten weiterentwickeln?

  • Was passiert, wenn im linken Bereich plötzlich neue Komponenten auftauchen, die vordergründig nichts mit meinem Geschäftszweig zu tun haben?

  • Was geschieht, wenn diese neuen Komponenten weiter nach rechts wandern?

Weiterlesen

Climatic Patterns

Im dritten Blogartikel unserer Serie kannst Du nachlesen, was Climatic Patterns sind und wie sie die Landschaft auf Deiner Wardley Map beeinflussen.

Weiterlesen