Wer gelegentlich Seminare oder Schulungen besucht, weiß, dass Seminarunterlagen mitunter nicht den eigenen Lerngewohnheiten entsprechen und dass diese aufgrund ihrer abgeschlossenen Form später häufig nicht mehr aktuell sind. Bei aktuellen und modernen Themen gilt dies ganz besonders. Zusätzliche oder erweiternde Informationen zu den bereits vorhandenen Unterlagen können nachträglich nur schwer hinzugefügt werden, zumindest gliedern sich diese neuen Informationen nicht gut in bereits gebundene Seminarunterlagen ein.

Hinzu kommt, dass sich die eigene Denkstruktur über einen gewissen Themenbereich mit der Zeit mehr und mehr verändert und gelegentlich komplett umgruppiert wird. Das passiert ganz besonders bei Lernprozessen. Hier wird Lernern häufig zu späteren Zeitpunkten klar, dass (für sie) bestimmte Inhalte nun unter ganz anderen Kategorien oder Überschriften zugeordnet werden, als das bisher geschah. Ein geheftetes oder gebundenes Handout kann diese Umstrukturierung der Lerninhalte aber nicht mitmachen. Gebundene Handouts folgen immer der Struktur, die der Trainer hierfür vorgegeben hat. Das mag auf den ersten Blick durchaus sinnvoll erscheinen, aber die Strukturierung des Wissens durch den Trainer muss nicht zwangsläufig mit der Wissensstrukturierung des Lerners identisch sein. Vielleicht würde ja der eine oder andere Lerner die Themen „Emotionale Intelligenz“, „Emotionale Führung“, „Motivation“ und „Konfliktmanagement“ ganz anders einkategorisieren und sortieren als es ein anderer Lerner oder der Trainer täte.

Wenn es für ein Themengebiet sehr umfangreiche Informationen gibt, hat der Lerner außerdem oft keine Wahl, die Lerninhalte aus dem Handout zu entfernen (es ist ja gebunden) oder zumindest ans Ende des Handouts zu verbannen. Erhält der Lerner zusätzliche Informationen (etwa in Form von Downloads), kann er sie nicht richtig einsortieren.

Flexibilität als Loseblattwerk (LBW)

Die Lösung für mehr Flexibilität ist ein sogenanntes Loseblattwerk (gelegentlich auch Loseblattsammlung genannt). Im Grunde befreit man sein Handout von der Bindung und verzichtet auf ein Inhaltsverzeichnis sowie fortlaufende Nummerierungen und ersetzt diese durch „Kapitelnummerierungen“. Auf den ersten Blick erscheint es dem einen oder anderen zunächst ein wenig „billig“ sein Handout lediglich als „lose Blätter“ herauszugeben, aber die Vorteile sind unschlagbar! Zudem besteht die Möglichkeit, beispielsweise in einem ersten Basis-Seminar einen Ordner herauszugeben, der als Grundstock für die Lerner dienen kann. In späteren Seminaren und Schulungen gibt man den Teilnehmern dann weitere Handouts heraus, welche diese – so wie sie es selbst möchten – einsortieren können.

Die fehlende Bindung und Abgeschlossenheit eines Loseblattwerks beschert dem Trainer sehr viele Vorteile: Zum Einen können nun ganz einfach spätere Ergänzungen geliefert werden. Das können weiterführende Informationen durch spätere Schulungen sein oder auch ein einfacher Download, den sich Interessierte auf der Webseite des Trainers herunterladen können. Die Lerner und Teilnehmer können diese dann nach ihren eigenen Vorstellungen an der Stelle in ihre Materialien heften, wo die neuen Unterlagen ihrer Meinung nach am besten hinpassen. Auch die Reihenfolge der Themen können sie auf diese Weise selbst bestimmen.

Beispiel

Handout als Loseblatwerk

Als kleine Veranschaulichung habe ich hier einmal die beiden Handouts „Emotionale Intelligenz“ und „Emotionale Führung“ aus unserem Seminar Resonante Führung abgebildet. Wie man gut sehen kann, besitzt das erste Handout zwei (beidseitig bedruckte) Seiten (Emotionale Intelligenz 1-4), das zweite Handout hat vier Seiten (Emotionale Führung 1-8).

Sollte der Trainer einen zusätzlichen Download anbieten, kann er diesen als Doppelseite zur Verfügung stellen (Emotionale Führung 9-10) und die Lerner können die neue Seite einfach hinzuheften. Sollte es Erweiterungen aus Aufbauseminaren geben, können diese als Handout mit den Seitenköpfen „Emotionale Führung 11-16“ ausgegeben werden. Wenn ein Lerner eine bestimmte Seite (oder ein ganzes Kapitel) gar nicht benötigt, so kann er sie ans Ende des Ordners verbannen oder sogar komplett aus dem Ordner herausnehmen (und gegebenenfalls später wieder hinzuheften). Gibt es neue Themen aus späteren Seminaren, so werden diese ebenfalls als Loseblattwerk – beispielsweise „Motivation 1-8“ – herausgegeben. Dem Teilnehmer steht es frei, wo er das neue Kapitel einheften möchte. Ganz an den Anfang, zwischen „Emotionale Intelligenz“ und „Emotionale Führung“ oder ans Ende seines Handout-Ordners.

Worauf man achten sollte

Handouts Loseblattwerk Innen und Außenabstände

Wenn Du mit einem Loseblattwerk arbeiten möchtest, solltest Du einige Dinge beachten: Zunächst einmal musst Du Deine Handouts immer so strukturieren, dass sie stets ein gerade Seitenzahl haben. Denn sonst kommt es schnell dazu, dass spätere Lücken entstehen. (Nämlich dann, wenn Deine Teilnehmer das nächste Handout dahinterheften.) Wenn Du einmal keine gerade Seitenzahl erreichst, kannst Du Platz für Notizen der Lerner lassen und den Bereich mit Linien vordrucken, dann sieht es zumindest nicht ganz so leer aus. Damit einhergehend wählst Du beim Seitenlayout die Option gegenüberliegende Seiten für den beidseitigen Druck Deiner Handouts und achtest auf einen ausreichend großen Abstand auf der Innenseite. Da die Blätter in einem Ordner sind, können die Ringe des Ordners beim Lesen stören, wenn Deine Texte zu nah am jeweils innen liegenden Seitenrand sind.

Du solltest Deinen Teilnehmern außerdem das LBW-Konzept erläutern, denn viele Lerner sind verwirrt, wenn sie etwa kein Inhaltsverzeichnis im Handout vorfinden. Da ein Loseblattwerk ja umsortierbar ist, macht es auch nicht viel Sinn, eines zu erstellen. Aus dem gleichen Grund solltest Du nicht alle Unterlagen erst zum Ende des Seminars aushändigen, sondern nach jedem Themenblock häppchenweise überreichen, damit die Teilnehmer bereits während des Seminars die Möglichkeit haben, mit ihrer eigenen Strukturierung zu beginnen. So kriegen Deine Teilnehmer bereits während Deiner Schulung ein Gefühl für den Umgang mit einem Loseblattwerk, wenn ihnen diese Form des Handouts noch nicht vertraut ist.

Verzichte auch auf eine fortlaufende Seitennummerierung, sondern versehe die einzelnen Handouts mit einer Kapitelnummerierung inklusive Überschrift, die den Themenbereich angibt. Anhand der in sich geschlossenen Nummerierung der Kapitel und der Überschrift kann Dein Teilnehmer erkennen, zu welchem Themenbereich das Handout gehört, das er gerade erhalten hat. Auch Farben kannst Du nutzen, um verschiedene Inhalte voneinander abzugrenzen.

Selbstverständlich solltest Du jedem Teilnehmer beim seinem ersten Seminarbesuch einen Ordner überreichen, der schon das eine oder andere Material enthält. Es wäre schade, wenn Deine Teilnehmer die einzelnen Blätter nach Deinem Seminar mit nach Hause nehmen und diese dann geknickt oder gar beschädigt sind, weil sie keinen eigenen Ordner mitgebracht haben und Deine Unterlagen nicht gut transportieren konnten.

Abschließend sollte ich noch sagen, dass es Sinn macht, sich wirklich lange und ausgiebig Gedanken darüber macht, wie die Struktur des Loseblattwerks aussehen soll und welche Inhalte man zu einem abgeschlossenen Kapitel/Handout gruppieren möchte. Je genauer Du hier in der Planung und Konzeption Deiner Handout-Module bist, desto mehr Flexibilität haben Deine Teilnehmer später bei der Gestaltung ihres persönlichen Lernmaterials. Überleg Dir daher genau, welche Inhalte sich gut zu einem in sich geschlossenem Handout formen lassen. Achte darauf, dass Deine Handouts möglichst kurz sind. Ein Umfang von sechs bis acht Seiten ist eine gute Richtlinie. Längere Themen und Inhalte solltest Du splitten und in Handout-Blöcke aufteilen, die sich für Deine Teilnehmer leichter umgruppieren lassen. Es macht also (meistens) keinen Sinn, ein Handout Motivation 1-20 herauszugeben! Besser wäre beispielsweise Motivation 1-6 (für allgemeine Informationen), extrinsische und intrinsische Motivation 1-6Motivation nach Deci 1-4 und Motivation und Kontrolle 1-4.

Ich wünsche Dir viel Spaß beim Ausprobieren!