Video, Podcast oder Text?

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Video, Podcast oder Text?

Vielleicht hast Du das Zitat „Video is the new text!“, das (angeblich) auf Josh Bersin zurückgeht, ja auch schon gehört. Da die Medienfrage bei digitalem Lernen auch jüngst im MOOC Corporate Digital Learning thematisiert wurde, habe ich das mal zum Anlass genommen, mich hier ein wenig näher mit dem Thema auseinander zu setzen.

Im Folgenden werfe ich einen genaueren Blick auf die Medien Video, Podcast und Text und möchte dabei ganz besonders der These, dass „Video der neue Text“ sei (und diesen quasi nahtlos ersetze), widersprechen. Vielmehr möchte ich zeigen, dass beide (bzw. alle drei) Medien ihre ganz eigenen Vorzüge (und auch Nachteile) haben und dass es vielmehr darum gehen muss, die Medien zur Informationsvermittlung didaktisch klug zu nutzen.

Wirft man einen ersten Blick auf das Thema „Informationsvermittlung durch Video“, scheint das Medium Video im Gegensatz zu Texten deutlich schlechter abzuschneiden: In wissenschaftlichen Studien aus den 70er Jahren konnte gezeigt werden, dass die Informationsvermittlung durch Filme bei gerade einmal 20 Prozent lag. Das Erstaunliche daran ist, dass die Teilnehmer dieser Studie in der Selbsteinschätzung, wieviel sie gelernt hätten, deutlich über diesem Wert lagen. Bernd Weidenmann prägte in diesem Zusammenhang den Begriff illusion of knowing, der den „deutlichen Widerspruch zwischen Informationseindruck und Behaltensleistung“ gut auf den Punkt bringt.(1)

Allerdings scheint mir das Vorgehen dieser Studie für heutige Zeiten wenig aussagekräftig zu sein, da man beispielsweise einer Anzahl von Teilnehmern „einfach einen Film gezeigt“ hat. Mit den digitalen Möglichkeiten, die Videos mittlerweile bieten (Verfügbarkeit, Interaktivität, Wiederholbarkeit etc.), hat dies meiner Meinung nach kaum noch etwas zu tun. Zumindest jedoch kann man festhalten, dass wir erstens beim einmaligen Schauen eines Films deutlich weniger Informationen behalten, als wenn wir die Informationen lesend aufnehmen, und zweitens das Maß unserer Behaltensleistung dabei stark überschätzen.

Aber schauen wir uns einige Merkmale und Aspekte der Informationsvermittlung genauer an und betrachten die Möglichkeiten der drei Medien Video, Podcast oder Text hierzu, um einen Vergleich möglich zu machen.

Merkmal 1: Wiederholbarkeit

Bekanntermaßen ist Wiederholung ein sehr wichtiger Faktor für die menschliche Erinnerungsleistung. Hier stehen Videos und Podcasts einem Text in nichts nach, denn im Zuge der Digitalisierung ist jedes Video- und Audioformat genauso oft wiederholbar wie es ein Text durch nochmaliges Lesen ist.

Merkmal 2: Linearität

Mit Linearität meine ich, dass die Inhaltsvermittlung durch das Medium der Logik der Sache folgt; anders als etwa ein Gespräch, das eben der Logik des Gesprächs folgt. Video, Podcast und Text haben alle einen vom Autoren durchdachten und vorbestimmten Verlauf. (Abgesehen vielleicht von gefilmten, aufgenommenen oder aufgeschriebenen Dialogen. Aber auch hier wird letztlich erst einmal jeder Dialog genauso wiedergegeben, wie er aufgenommen bzw. aufgeschrieben wurde.)

Filme, Audioaufnahmen und auch Texte sind erst einmal so, wie sie festgehalten wurden, und in gewisser Weise starr. Weder lässt sich die Reihenfolge der Informationen verändern noch die Anzahl der Informationen oder die Art wie sie dem Zuschauer, Zuhörer oder Leser präsentiert werden. Natürlich, man kann alle drei Medien didaktisch aufbereiten: Texte kürzen (didaktische Reduktion), Videos umschneiden oder aus einem langen Interview mehrere kleine Audioaufnahmen machen, von denen sich der Hörer/Lerner eine aussuchen können und Freiheiten bei der Abspiel-Reihenfolge haben. Aber auch diese kleinen Einheiten sind in sich selbst erst einmal linear.

Hinsichtlich der Linearität sind also auch hier alle drei Medienformate gleich.

Merkmal 3: Abstraktionsgrad

Beim dritten Merkmal tauchen die ersten Unterschiede zwischen den Medien Video, Podcast und Text auf. Video (oder das Medium Film) ist ein konkretes Medium. Für das unmittelbare Darstellen von Prozessen ist es daher ungemein gut geeignet, da es eben – anders als Worte in Podcasts und Texten – die Wirklichkeit direkt und unmittelbar abbildet.(2) Nicht umsonst gibt es für die verschiedensten Handwerks- oder Freizeitbereiche so viele How-to-Videos auf YouTube und anderen Videoanbietern.

Worte – in Podcasts und Texten – haben diese Möglichkeit nicht. Worte bilden keine Wirklichkeit ab. Worte haben Zeichen, die für etwas stehen. Und durch diesen Unterschied ist der Text per se weniger konkret, weniger anschaulich und weniger „echt“ als das Medium Film, das seine Inhalte unmittelbar zeigen kann.

Auf der anderen Seite kann man mit Worten viel eher über abstrakte Dinge reden: theoretische Modelle, Konzepte, Ideen, Gedanken etc. Das kann der Film nicht (so einfach): ein Video muss immer ein konkretes Beispiel eines Konzeptes zeigen. Wenn ein Konzept nicht konkret umgesetzt wurde, kann man auch nichts filmisch abbilden.

Merkmal 4: Gehirnfunktionen

Egal ob Ton oder Bild: für die Verarbeitung von akustischen und optischen Informationen hat unser Gehirn spezielle Bereiche, die dafür zuständig sind. Sehen und Hören sind eine natürliche Fähigkeit des Menschen. Unser Organismus entwickelt diese Fähigkeit von ganz alleine. Lesen (und Schreiben) hingegen ist keine natürliche Leistung des Gehirns. Lesen und Schreiben muss erlernt werden, es ist eine Kulturleistung. Lesen wird erst möglich, wenn wir Hirnbereiche dafür nutzen und untereinander vernetzen, welche die Natur gar nicht dafür vorgesehen hat. Das sind natürlich visuelle Regionen des Gehirns, aber auch Bereiche, die für Mustererkennung zuständig sind, und viele andere mehr, die erst in einem sehr aufwändigen Lernprozess miteinander synchronisiert werden müssen. Neben dem Entstehen von Assoziationen beim Lesen ermöglichen die „Leerstellen“ in Texten das Bilden sogenannter Inferenzen. Das heißt, unser Gehirn bildet aus den Inhalten, die es beim Lesen aufnimmt, Schlussfolgerungen, die über das hinausgehen, was es aufnimmt. Filme und Audioformate haben nach neuesten Erkenntnissen(3) jedoch keine Auswirkungen auf die Bildung solcher Inferenzen. Mitunter scheinen die Ergebnisse dieser Forschungen sogar zu bestätigen, dass Audioformate und Film in dieser Hinsicht dem Text sogar überlegen sind.

Durch das Lesen von Texten wird das Gehirn allerdings umstrukturiert, umgebaut und neu vernetzt und zwar in viel umfangreicherer Art und Weise, als das beim Betrachten eines Films oder Hören eine Podcasts geschieht.(4) Hinsichtlich der eigentlichen Lernleistung, in diesem speziellen Fall der Bildung von Schlussfolgerungen, sind alle drei Medien jedoch als gleichwertig anzusehen.

Merkmal 5: Übersichtlichkeit

Eine beliebte Lerntechnik, um sich mit einem Text zu beschäftigen, ist beispielsweise die SQ3R-Technik. Ganz elementar für das Vernetzen neuer Inhalte beim Lernen mit dieser Methode ist es, sich einen Überblick (Survey) zu verschaffen, bevor man mit dem Lernen beziehungsweise Lesen beginnt. Man blättert also durch ein Buch oder einen Text und verschafft sich somit einen groben Überblick.

Texte bieten hierzu eine Vielzahl von Orientierungshilfen für Leser (und Lerner): Inhaltsverzeichnisse, Kapitel, Überschriften, Fettdruck, Absätze und vieles andere mehr. Außerdem kann man einen Text leicht überfliegen und beispielsweise nach Schlüsselbegriffen oder ähnlichem suchen – und bei Bedarf direkt tiefer einsteigen.

Audio- und Videoformate sind in dieser Hinsicht sperriger als Texte. Eine Tonspur lässt sich nicht so leicht überfliegen, um einen groben Eindruck davon zu erhalten, worüber es in der Tonaufnahme geht. Gleiches gilt für Videos. Selbst im Schnelldurchlauf fällt es schwer, eine Struktur der Informationen zu erkennen. Insofern sind Videos und Podcasts zwar unmittelbarer als Texte, aber ermöglichen keinen Überblick. (Natürlich ist es auch möglich, einen Text einfach von Anfang bis Ende zu lesen, ohne sich einen Überblick zu verschaffen. Aber hier geht’s ja darum festzuhalten, welche Möglichkeiten bestimmte Medien bieten, die andere Medien nicht haben.)

Merkmal 6: Rezeptionsgeschwindigkeit

Ein häufig gehörtes Schlagwort beim Thema digitales Lernen ist das eigene Lerntempo. Und in der Tat ist das ein wichtiger Aspekt beim Lernen. In dieser Hinsicht sind jedoch gerade Video und Podcast extrem starr: Ein Video oder Podcast hat immer die gleiche Laufzeit. Für die didaktische Konzeption von Lernvideos oder Lern-Podcasts ist es also immer auch wichtig, sich (neben vielen anderen Aspekten) auch zu überlegen, wie schnell Informationen vermittelt werden sollen. Bei einem Text stellt sich diese Frage nicht: der Lerner entscheidet selbst über sein Lerntempo und kann schnell oder langsam lesen.

Merkmal 7: Autofokus

Das Merkmal Rezeptionsgeschwindigkeit bringt mich direkt zum nächsten Aspekt: Autofokus. Texte verlangen vom Leser 100 % Aufmerksamkeit. Der Informationsfluss muss ja erst aktiv konstruiert beziehungsweise in Gang gebracht werden (siehe Merkmal 4: Gehirnfunktionen). Löst sich meine Aufmerksamkeit vom Text und seinen Inhalten (etwa durch Ablenkung) , hört der Informationsfluss automatisch auf. Das heißt Aufmerksamkeit und Informationsfluss sind beim Lesen von Texten per Definition synchron, da meine Aufmersamkeit erst den Informationsfluss erschafft.

Ganz anders bei Videos und Podcasts: Hier ist der Informationsfluss bereits in Länge und Geschwindigkeit vordefiniert und wenn meine Aufmerksamkeit abschweift, hört ein Podcast oder Video nicht auf, weitere Informationen zu vermitteln. Es ist also Aufgabe des Zuschauers oder Zuhörers, seine Aufmerksamkeit mit dem bei ihm eingehenden Informationsfluss aktiv zu synchronisieren. Hier muss der Lerner also eine zusätzliche Leistung vollbringen, damit die Inhalte des Videos oder Podcasts nicht einfach an ihm „vorbeirauschen“ und ihm wichtige Informationen entgehen.

Merkmal 8: Notizen machen

Die beiden Merkmale Autofokus und Rezeptionsgeschwindigkeit wirken sich auch beim achten Merkmal Notizen machen aus. Zunächst einmal kann man sich immer Notizen beim Lernen machen, egal welches Medium man dazu benutzt. Aber während Filme und Podcasts „einfach weiterlaufen“, wenn ich mir etwas aufschreibe, bricht beim Lernen mit Texten der Informationsfluss automatisch ab (ich richte meine Aufmerksamkeit ja auf etwas anderes) und wird erst wieder aufgenommen, wenn ich mit dem Lesen fortfahre. Die Gefahr, bei diesem Lernprozess etwas zu verpassen, ist also geringer als bei Videos und Audioformaten. Hier kann ich höchstens (aktiv) die Pausen– oder Stopp-Taste nutzen, um das Video oder den Podcast anzuhalten. Aber dies geschieht eben nicht wie beim Lesen automatisch, sondern erfordert eine aktive Handlung des Lerners. Hier haben Podcasts gegenüber Videos noch den Vorteil, dass beim Anfertigen von Notizen zumindest keine visuellen Informationen unbemerkt bleiben, wenn man die Aufnahme nicht anhält oder pausiert.

Zweitens sind Texte viel flexibler und zugänglicher für das Anfertigen von Notizen. Während man zwar zu Videos und Podcasts Notizen machen kann, kann man sowohl Notizen zu Texten anfertigen als auch Notizen im Text hinterlassen: gemeint sind also Lerntechniken wie Unterstreichen, Markieren, Einkreisen, Randnotizen, Verweise (Pfeile) und was es sonst noch so alles gibt. Videos und Podcasts sind hier deutlich schwieriger zu verändern oder zu ergänzen. Oder hast Du schon einmal ein Lernvideo mit visuellen Notizen und Anmerkungen versehen? Texte sind also in dieser Hinsicht viel einfacher zu ergänzen oder anzupassen, als es Videos und Podcasts sind.

Umsetzungstipps für Lernvideos und -podcasts

Wie Du oben lesen konntest, unterliegen Videos und Podcasts im Vergleich zum „klassischen Text“ neben einer Vielzahl von Vorzügen auch einer ganzen Reihe von Einschränkungen. Deshalb möchte ich hier abschließend noch ein paar Tipps geben, über die Du die Nachteile dieser Medienformate abschwächen kannst.

  • Fokussiere die Aufmerksamkeit Deiner Lerner durch Instruktionen (Arbeitsauftrag)!
  • Nutze Unterbrechungen und Quizze, um die Aufmerksamkeit Deiner Lerner zu fördern/fordern!
  • Mach Dir Gedanken zur Geschwindigkeit der Informationsvermittlung und zur Länge des Videos/Podcasts!
  • Nutze nur Video- und Audioplattformen, deren Player grundlegende Steuerungselemente (mindestens Pausen- und Stop-Taste) anbieten!
  • Strukturiere Videos und Podcasts mit Kapiteln und einem Inhaltsverzeichnis, über die Deine Lerner direkt in die entsprechenden Inhalte springen können!
  • Beginne Videos und Podcasts mit einer Einleitung, in der Du Deinen Lernern einen Überblick über die Inhalte gibst!
  • Bring Deinen Lernern das Sketchnoten bei, damit sie während eines laufenden Videos/Podcasts Notizen anfertigen können!

Anmerkungen   [ + ]

1.Näheres hierzu findest Du in dem lesenswerten Artikel von Anke Pfeiffer.
2.Was nicht darüber hinwegtäuschen darf und soll, dass Film eine eigene Filmsprache hat.
3.Do films make you think? Seite 136ff.
4.Wenn Du Dich mit diesem Thema näher auseinandersetzen möchtest, empfehle ich Dir das Buch „Das lesende Gehirn„.
Von |2018-09-18T12:07:18+00:0028. März 2016|Kategorien: Digitales Lernen, Lernen, Mediennutzung|Schlagworte: , , |2 Kommentare

Über den Autoren:

Ich glaube an eine Arbeitswelt, in der Menschen darauf brennen, am Montag endlich wieder zur Arbeit gehen zu dürfen. Deshalb helfe ich Menschen, Unternehmen und Organisationen, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass sich Motivation und Engagement entfalten können.

2 Kommentare

  1. […] Auf der anderen Seite ist auch das Medium Video (und auch Text) weiterhin ein Medium, das den Lerner beim ersten Kontakt mit dem Lerninhalt in eine passive Rolle zwängt und zum reinen Rezipienten degradiert. Ein didaktisches Konzept, das auch die Lernstile nach David Kolb beachtet, müsste also Mittel und Wege finden, entdeckendes Lernen (von der Praxis zur Theorie und nicht von der Theorie zur Praxis) möglich zu machen und versuchen, den theoretischen Teil des Unterrichts mit allen Mitteln zu minimieren, statt ihn per Video aus dem Unterricht auszulagern. Einige Überlegungen zur Auswahl von Lernmedien findest Du auch in meinem Blogartikel: Video, Podcast oder Text? […]

  2. […] drängt sich beim Thema E-Learning das Thema Video, also die reine Wissensvermittlung, stets sehr stark in den Vordergrund. Das führt meines Erachtens dazu, dass Teilnehmer in […]

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