Unternehmenskultur ist kein Kleidungsstück

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Unternehmenskultur ist kein Kleidungsstück

Erinnerst Du Dich noch an die coolen Kids auf der Schule? Ich meine die, zu denen jeder dazugehören wollte. Cooles Outfit, die dazu passenden Frisuren, spezielle Begrüßungs-Zeremonien und dergleichen mehr. Alles an ihnen war ein Symbol dessen, was sie waren. Aber wenn plötzlich andere Schüler die gleichen Outfits trugen, den gleichen Haarschnitt hatten und ihre Begrüßungsrituale kopierten, wurden sie nur ausgelacht. Äußerlich war zwar alles identisch, aber nichts von alledem war mit dem, was sie tatsächlich waren, in Einklang.

Mit der Unternehmenskultur ist es genauso. Unternehmenskultur lässt sich leider (oder Gott sei Dank) nicht einfach dadurch verändern, indem man ausschließlich neue Prozesse und Strukturen etabliert und dann so tut, als wäre man eines der eingangs erwähnten coolen Kids. In den meisten Fällen sind diejenigen, die es versucht haben, damit glorreich gescheitert. Kultur ist der Kern eines Unternehmens, seine Werte und Grundhaltungen. Simon Sinek würde wahrscheinlich sagen, dass dieser Kern das Warum des Unternehmens ist. Eben das, woran die Gemeinschaft des Unternehmens glaubt. Seine Prozesse und Strukturen sind lediglich die Manifestationen davon. (Edgar Schein nennt das auch Artefakte.)

Der Kern eines Unternehmens bleibt der gleiche, auch wenn es neue Kleidung anzieht. So wie man nicht plötzlich zu den coolen Typen gehört, wenn man sich andere Klamotten anzieht, verändern sich Unternehmen nicht unmittelbar zu wertorientierten Organisationen, nur weil es plötzlich die Prozesse, Strukturen und Abläufe verändert hat. Auf den ersten Blick widerspricht diese Feststellung dem, was ich vor ein paar Monaten in meinem Artikel Ändere die Spielregeln (nicht die Unternehmenskultur) schrieb. Dort stellte ich die These auf, dass die Spielregeln im Unternehmen (also seine Prozesse, Strukturen und Abläufe und dergleichen mehr) die einzige Möglichkeit sind, Normen und Werte zu realisieren. Werte existieren zuerst einmal nur in unseren Köpfen, und jede Norm wird von festgelegten Abläufen und Strukturen gnadenlos überschrieben.

In Spielen wird die Bedeutung dessen, was wir tun, durch die Spielregel definiert. Alles, wofür es keine Regel gibt, hat keine Bedeutung.

„Den Ball über die gegnerische Torlinie zu bewegen“ bedeutet „Tor“. „Nach 60 Minuten mehr Tore als der Gegner erzielt zu haben“ bedeutet „Sieg“. „Den Ball mit dem rechten oder linken Fuß zu schießen“ bedeutet hingegen: nichts. Die Fußballregeln treffen darüber schlichtweg keine Aussage, deshalb ist es vollkommen gleichgültig, welchen Fuß Du dazu nutzt, den Ball zu schießen.

Willst Du also die Bedeutung des Spiels ändern, musst Du die Regeln des Spiels ändern.

Bei Werten und Normen kommt jedoch noch eine Besonderheit hinzu. Wenn wir eine soziale Regel (Norm) befolgen, um etwas zu tun, dann müssen wir es aufgrund des dahinter stehenden Wertes tun. Eltern kennen dieses Problem besonders gut: Wenn zwei Kinder sich streiten und dann eines davon dann gezwungen wird, sich zu entschuldigen. Dann sagt es vielleicht „Entschuldigung!“ (Regelbefolgung), aber nicht weil es die notwendige Einstellung dazu hat, sondern weil die Eltern es dazu zwingen. Das Kind glaubt (in dieser Situation) nicht an den Wert, der hinter der Regel (Norm) steckt. Wenn man sich entschuldigt, muss man es eben auch so meinen.

Mitunter hinterlassen solche „Enschuldigungen“ einen sehr faden Nachgeschmack. Jeder Beteiligte spürt instinktiv, dass irgendwas nicht stimmt. Auf der anderen Seite kann auch niemand sagen: „Du hast Dich ’nicht richtig‘ entschuldigt.“ Denn um sich zu entschuldigen, sagen wir eben „Entschuldigung!“ und das ist zweifelsohne getan worden.

Schummler und Spielverderber

Mit dieser Erkenntnis können wir in Spielen zwei Typen von Falschspielern unterscheiden, die auf den ersten Blick recht gleich aussehen: Schummler und Spielverderber. In einer Hinsicht gleichen sich beide: Sowohl der Schummler als auch der Spielverderber verfolgt etwas, was ich Um-zu-Ziele nenne. Schummler und Spielverderber spielen zwar mit (uns), aber ihnen geht es nicht um das Spiel selbst, sondern um etwas anderes. Sie instrumentalisieren das Spiel für einen anderen Zweck.

Der Schummler versucht auch häufig, die Regeln zu brechen, ohne dass seine Mitspieler es bemerken. Meistens, um zu gewinnen oder um bewundert zu werden und was man sich dergleichen mehr denken mag. Dem Schummler ist es egal, wie er sein Ziel erreicht. Könnte er sich durch einen Sieg in einem vollkommen anderen Spiel die Bewunderung seiner Mitspieler sichern, so wäre auch das ein denkbarer Weg für ihn. Das Spiel ist für ihn nur das Mittel zum Zweck. Da der Schummler die Regeln bricht, ist ihm meist auch recht gut beizukommen, weil seine Mitspieler darauf achten können, ob er die Regeln einhält. Notfalls lassen sich Systeme etablieren und Vereinbarungen treffen, die sicherstellen, dass alle die Regeln einhalten. Im Sport kennen wir etwa Schiedsrichter oder Dopingkontrollen. Das Spiel selbst bietet also Mechaniken, die sicherstellen, dass die Regeln eingehalten werden.

Der Spielverderber ist hingegen viel schwieriger zu erkennen. Auch er spielt aus anderen Gründen. Vielleicht spielt er mit uns, um unsere Sympathie oder unser Wohlwollen zu gewinnen. Oder ihn reizt die Geldprämie, die er für einen potentiellen Sieg erhalten kann, um sich danach etwas vollkommen anderes zu leisten. Im Gegensatz zum Schummler hält er sich jedoch an die Regeln des Spiels! Er begeht beispielsweise kein Foulspiel. Aber er tut es nicht, weil er an Fairplay glaubt. Sondern nur, weil er keine Strafe riskieren will und dadurch seinen Sieg aufs Spiel setzen könnte. Der Spielverderber ist wie das Kind, das „Entschuldigung“ sagt, es aber nicht so meint. Er befolgt die Regeln, ohne an den dahinterstehenden Wert zu glauben.

Der lange Atem

Die meisten Unternehmen, die damit beginnen, neue Prozesse und Strukturen zu etablieren, ohne tatsächlich an die dahinter stehenden Werte zu glauben, kommen für uns daher wie Spielverderber. Sie wirken nicht authentisch auf uns. Die alten Werte und Vorstellungen halten sich hartnäckig im Hintergrund, auch wenn nun plötzlich Büros freundlicher gestaltet sind und Meetings-auf-Augenhöhe stattfinden. Besonders sichtbar wir das durch die vielen Schummler, die sich in Spielverderber-Unternehmen plötzlich breit machen. Wenn Parallelstrukturen etabliert werden und nach dem Meeting-auf-Augenhöhe noch einmal Vier-Augen-Gespräche mit den Chef geführt werden oder bekannte Regelbrecher und Schummler nicht zur Raison gerufen werden, weiß man, dass zwar neue Spielregeln ausgerufen wurden, es aber niemanden wirklich ernst damit ist. Das Unternehmen hat sich eine coole Jacke übergeworfen, aber es ist noch immer der gleiche Bucklige wie zuvor. Das hat natürlich einen großen Einfluss auf das Vertrauen der Kunden und auf die Motivation der Mitarbeiter.

Trotzdem ist es auch für diejenigen Unternehmen, die es wirklich ernst meinen, der einzig mögliche Weg, die Unternehmenskultur durch die Veränderung der Spielregeln zu wandeln.

Aber es muss daran fortlaufen darauf achten, Schummler und Spielverderber sichtbar zu machen, zur Ordnung rufen und notfalls aus dem Spiel zu nehmen. Nur so kann es allen Beteiligten beweisen, dass es ihm mit dem Wandel wirklich ernst ist und es für die Werte eintritt, die hinter den neuen Spielregeln stehen. Das geht nicht von heute auf morgen. Das geht nur mit einem langen Atem.

Von |2018-08-30T14:00:02+00:0012. März 2018|Kategorien: Organisationsentwicklung, Transformation|Schlagworte: , , |0 Kommentare

Über den Autoren:

Ich glaube an eine Arbeitswelt, in der Menschen darauf brennen, am Montag endlich wieder zur Arbeit gehen zu dürfen. Deshalb helfe ich Menschen, Unternehmen und Organisationen, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass sich Motivation und Engagement entfalten können.

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