Um-Zu-Ziele und Indem-Ziele

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Um-Zu-Ziele und Indem-Ziele

Gelegentlich werde ich gefragt, worin denn der Unterschied zwischen Unternehmenszielen und Spielzielen liegen würde. Spiele hätten doch genauso wie Unternehmen gewisse Ziele und damit zusammenhängende Aufgaben. Das wäre doch genau das Gleiche!

Mit Zielen lassen sich Mitarbeiter außerdem ganz wunderbar motivieren, sagt schließlich schon die Zielsetzungstheorie von Locke und Latham. Dann machen wir noch alles schön SMART und fertig sind die motivierenden Ziele. Pustekuchen!

Wie man einen Gipfel erreicht

Stellen Sie sich zwei Menschen vor, deren Ziel es ist, den Gipfel eines Berges zu erreichen, beispielsweise des K2 oder meinetwegen des Mount Everests. Der eine ist Bergsteiger und der andere ist ein Millionär. Während der erste also mühsam zu Fuß den Berg hinaufklettert und jede Menge Strapazen dabei auf sich nimmt und das auch noch freiwillig macht, steigt der Millionär in einen Helikopter und lässt sich auf kürzestem Weg zum Gipfel fliegen.

Beide erreichen ihr Ziel: den Gipfel.

Trotzdem spüren wir unmittelbar, dass der Millionär zwar „irgendwie das gleiche Ziel“ hat wie der Bergsteiger und es auch genauso wie dieser erreicht, aber beide Menschen sich stark unterscheiden. Sie unterscheiden sich aber nicht nur in dem, was sie tun, sondern auch warum sie es tun. In Wahrheit hat der Bergsteiger ein ganz anderes Ziel als der Millionär – auch wenn es auf den ersten Blick gleich aussieht.

Der Millionär verfolgt mit dem, was er macht, etwas, das ich als Um-Zu-Ziele bezeichne. Er steigt in einen Helikopter, um den Gipfel zu erreichen. Der Bergsteiger hingegen verfolgt das, was ich Indem-Ziele nenne. Er erreicht den Gipfel, indem er den Berg besteigt. Tatsächlich haben der Bergsteiger und der Millionär zwei vollkommen unterschiedliche Ziele.

Das ist auch kein Formulierungstrick meinerseits. Vielleicht denken Sie jetzt: „Hm, man könnte doch auch sagen, dass der Millionär den Gipfel erreicht, indem er in den Helikopter steigt. Oder dass der Bergsteiger den Berg besteigt, um den Gipfel zu erreichen!“ Und auf den ersten Blick scheint das zu stimmen. Aber der Millionär könnte den Gipfel auch erreichen, indem er mit einem Kettenfahrzeug einen Hang hinauffährt. Oder vielleicht indem er mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug abspringt und auf dem Gipfel landet – was sehr gefährlich wäre. Oder indem er eine Straße zum Gipfel bauen lässt und dann einfach mit dem Auto hochfährt – was sehr kostspielig wäre. Es geht auch nicht darum wie abstrus diese Beispiele sind, sondern darum, dass die Art und Weise wie der Millionär den Gipfel erreicht, bei der Erreichung seines Ziels keine Rolle spielt. Gäbe es die Möglichkeit zu beamen wie in Star Trek, könnte der Millionär auch das tun. Alles, was er tut, macht er, um den Gipfel zu erreichen.

Der Bergsteiger hingegen steigt nicht auf den Berg, um den Gipfel zu erreichen. Wäre das so, könnte er ja genauso gut wie der Millionär in den Helikopter steigen. Er besteigt einen Berg. Er verfolgt kein Um-Zu-Ziel, sondern ein Indem-Ziel. Das Erreichen des Gipfels als Ziel seiner Anstrengung ist ein Teil von dem, was er tut (und umgekehrt). Man kann kein Bergsteiger sein, ohne den Berg wirklich zu besteigen. Damit spielt das Erreichen des Gipfels für den Bergsteiger eine vollkommen andere Rolle und auch das Bergsteigen selbst bekommt eine vollkommen andere Bedeutung. Wenn der Bergsteiger den Gipfel erreicht hat, ist das nur der Abschluss von dem, was er bereits die ganze Zeit über getan hat, nämlich Bergsteigen. Das Bergsteigen beginnt bereits mit dem ersten Schritt, den der Bergsteiger am Fuße des Berges macht und endet am Gipfel. Wenn wir Indem-Ziele verfolgen, hat jeder Schritt, jeder Handgriff, jeder Atemzug, der uns näher ans Ziel bringt, eine Bedeutung.

Autotelische Tätigkeiten

Der Bergsteiger ist somit das, was wir intrinsisch motiviert nennen. Mihaly Csikszentmihalyi (sprich „Mi-hai Tschik-Tzent-Mi-Hai“), der Entdecker des sogenannten Flow-Erlebnisses nennt intrinsisch motivierte Tätigkeiten auch autotelisch: „Auto“ bedeutet selbst und „telos“ ist das griechische Wort für Ziel. Ist eine Tätigkeit autotelisch, verfolgen wir ihr Ziel um seiner selbst willen. Wir verfolgen es nicht als Um-Zu-Ziel, sondern als Indem-Ziel.

Spiele sind autotelische Tätigkeiten in Reinform. Das Ziel des Spiels ist immer Teil des gesamten Regelsystems. Wir verfolgen das Spielziel nicht, um etwas anderes zu erhalten, sondern wir erreichen das Spielziel, indem wir (nach den Regeln) spielen. Die meisten Unternehmen hingegen verfolgen Um-Zu-Ziele und keine Indem-Ziele; in der Regel ist das Profit. Aber wie ich an anderer Stelle bereits schrieb, ist Profit nicht das Unternehmensziel. Und nun wird auch deutlich, warum das, was diese Unternehmen jeden Tag tun, beliebig und austauschbar wird. Wenn Unternehmen Um-Zu-Ziele verfolgen, entwertet das die Arbeit in diesem Unternehmen genauso wie bei dem Millionär aus meinem obigen Beispiel. Für den Millionär ist es gleich, ob er den Gipfel mit dem Hubschrauber, einem Kettenfahrzeug oder mit dem Flugzeug erreicht – Hauptsache er kommt oben an. Für Unternehmen ist es ebenfalls gleichgültig wie sie ihr Um-Zu-Ziel erreichen – Hauptsache ist, dass es erreicht wird. Arbeit, die dazu dient Um-Zu-Ziele zu erreichen, ist ein Job. Arbeit, die dazu dient Indem-Ziele, ist Work.

Arbeiten Sie in einem Um-Zu-Unternehmen oder in einem Indem-Unternehmen?

Von | 2018-02-26T08:11:07+00:00 26. Februar 2018|Kategorien: Motivation, Organisationsentwicklung|Tags: , , |0 Kommentare

Über den Autoren:

Ich glaube an eine Arbeitswelt, in der Menschen darauf brennen, am Montag endlich wieder zur Arbeit gehen zu dürfen. Deshalb inspiriere ich Menschen, Unternehmen und Organisationen, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass sich Motivation und Engagement entfalten können.

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