Dass in der Wirtschaft oftmals und gerne beim Wettbewerber abgeguckt und kopiert wird, ist allgemein bekannt. Dass es aber gleichzeitig meist absolut nutzlos ist, ist ebenso klar. Da viele Firmen oft keine bessere (eigene) Idee für eine gute Strategie haben, kopieren sie andere trotzdem: „Besser gut geklaut, als schlecht selbst ausgedacht.“ Strategische Entscheidungen werden aus dem Bauch heraus getroffen. Niemand weiß, wie das Spielfeld aussieht, noch wo sich das eigene Unternehmen auf diesem Spielfeld befindet.

Mit sogenannten Wardley Maps kann es Dir und Deinem Unternehmen gelingen, ein besseres Verständnis für Euer Umfeld zu erzielen, in dem Ihr Euch bewegt. Da Karten als Werkzeug im Kontext Wirtschaft jedoch ein recht neuer Ansatz ist, habe ich beschlossen, das Thema in einer ganzen Blogserie zu behandeln. (Für einen einzigen Artikel ist es einfach zu umfangreich.) In den nächsten Wochen werde ich also immer mal wieder das Thema Wardley Maps behandeln und bestimmte Punkte näher beleuchten. Falls Du es ganz besonders eilig hast, kannst Du auch gerne direkt mit Simon Wardleys Buch auf Medium beginnen. Hier findest Du extrem viel Wissenswertes zum Thema Karten und strategische Entscheidungen. Spannend dazu ist auch dieses Video, das einen Vortrag von Simon Wardley aus dem Jahr 2014 zeigt.

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Eine Welt von Schachspielern

Stell Dir eine Welt vor, in der jeder Mensch Schach spielt. Je besser Du Schach spielen kannst, desto erfolgreicher bist Du in dieser Welt. Allerdings hat in dieser Welt noch nie jemand das Spielfeld gesehen. Wenn zwei Schachspieler gegeneinander antreten, drücken sie lediglich ein Icon auf einem Bildschirm, um eine spezielle Figur zu bewegen. Du bist Dir nicht einmal bewusst, dass es insgesamt acht verschiedene Bauern gibt, weil es nur ein Icon für Bauer gibt. Du kannst lediglich sehen, welche Figuren Dein Gegner gesetzt hat, aber nicht wohin, da es ja kein Schachbrett gibt. Das System kann aber auswerten, wer gewonnen hat, und irgendwann erhälst Du dann die Nachricht, ob Du gewonnen oder verloren hast.

Das könnte dann folgendermaßen aussehen:

Verloren!

Gewonnen!

Wenn lange genug gespielt wird, werden einige Menschen magische Reihenfolgen in Spielzügen entdecken und beispielsweise behaupten, dass – wenn der Gegner Bauer, Bauer, Springer, Turm spielt – Du am besten mit Bauer, Bauer, Dame, Bauer, Turm reagierst, um ihn so zu schlagen. Vielleicht waren aber in der letzten Zeit auch einige Schachspieler sehr erfolgreich mit der Zugfolge Bauer, Bauer, Bauer, Läufer, Bauer, Turm, Dame und man sollte diese Reihenfolge unbedingt nutzen, da alle anderen erfolgreichen Schachspieler sie ebenfalls nutzen.

Ein neuer Spieler betritt die Welt

Nun stell Dir vor, ein Spieler tritt auf den Plan, der als einziger ein Schachbrett besitzt. Im Gegensatz zu Dir sieht er, welche Figuren Du wohin setzt, und kann entsprechend reagieren. Egal wie oft Du gegen ihn spielst: Du verlierst jedes Mal gegen ihn. Selbst dann, wenn Du seine Zugreihenfolgen aufschreibst und sie selbst anwendest, verlierst Du gegen ihn, da er seine Zugreihenfolge ändert. Die Zugreihenfolge aus dem obigen Beispiel sähe für ihn so aus:

Verloren!

Gewonnen!

Fool's Mate

Die Welt der Wirtschaft kennt keine Karten

Man kann schnell sehen, dass der Schachspieler, der das Konzept Schachbrett kennt, einen großen Vorteil gegenüber all denjenigen hat, die es eben nicht haben. Und so scheint es schon sehr verwunderlich, dass die Wirtschaft bisher noch keine Karten entwickelt hat. Zumindest bis jetzt, denn Simon Wardley hat bereits vor einigen Jahren seine Wardley Maps entwickelt, welche denjenigen Unternehmen, die sie nutzen, den gleichen Vorteil verschaffen können, wie dem Schachspieler, der als einziger weiß, was ein Schachbrett ist: Situative Aufmerksamkeit.

Während andere Unternehmen also strategische Entscheidungen meist aufgrund von Beobachtungen bei Mitbewerbern treffen („Hey, lass es uns so machen wie Spotify und in Squads arbeiten!“ oder „Hey, alle werden jetzt agil. Das sollten wir auch tun!“), können Unternehmen, die Wardley Maps anwenden, deutlich sinnvollere strategische Entscheidungen treffen.

Ohne Karten stochern Unternehmen ebenso im Dunkeln wie Generäle, die Hügel bombardieren, weil 78 Prozent aller erfolgreichen Generäle ebenfalls Hügel bombardieren. Und selbst dann, wenn es diesen Unternehmen (irgendwie) gelingen sollte, das Gleiche zu tun wie diejenigen, die sie kopieren, können sie nicht sicher sein, ebenso erfolgreich zu sein. Weil sie gar nicht wissen, in welcher Position sie sich befinden.

Merkmale von Karten

Bevor wir uns also darüber Gedanken machen können, wie wir Karten auch für strategische Entscheidungen in Unternehmen nutzen können und wie sie aussehen müssten, müssen wir uns darüber klar werden, was die wesentlichen Merkmale von Karten sind und wie sie funktionieren.

Jede Art von Karten hat sechs ganz wesentliche Aspekte, ohne die sie nicht funktionieren kann.

1. Karten sind visuell

Karten sind naturgemäß ein visuelles Medium. Wenn Du Dich durch ein unwegsames Gelände bewegen möchtest, dann kannst Du über eine (Land-)Karte direkt sehen, was Du tun musst, um an Dein Ziel zu gelangen. Das ist ein großer Vorteil, den Karten beispielsweise gegenüber Wegbeschreibungen haben, denn Wegbeschreibungen funktionieren wie Geschichten. Wenn Du etwa aus Dortmund kommst und in Berlin nach dem Weg fragst, wird Dir die andere Person sagen, dass Du drei Kreuzungen geradeaus fahren sollst, dann sofort rechts abbiegen musst und Dich nach etwa 400 Metern schräg links halten musst, um an Dein Ziel zu gelangen. Das geht nur so lange gut, wie Du der Wegbeschreibung exakt folgst. Biegst Du einmal falsch ab, ohne es zu bemerken, ist die Wegbeschreibung wertlos.

Auch der Schachspieler aus dem obigen Beispiel hat durch das Schachbrett ein visuelles Medium für seine strategischen Entscheidungen.

2. Karten zeigen verschiedene Komponenten

Karten bestehen außerdem aus relevanten Komponenten. Je nach Zweck der Karte können diese Komponenten variieren, aber jede Karte bildet immer diejenigen Komponenten ab, die Du benötigst, um sich mit ihrer Hilfe zu orientieren. Wenn Komponenten fehlen sollten, erfüllt sie ihren Zweck nicht. Im Schachspiel sind die notwendigen Komponenten natürlich die einzelnen Spielfiguren und auch ihre Farbe. Das Material der Spielfiguren hingegen muss nicht notwendigerweise abgebildet werden, da es für die Funktion der Komponente irrelevant ist. Aus dem gleichen Grund sieht eine U-Bahn-Karte von Berlin anders aus, als eine Karte für Autofahrer oder für Rad fahrende Touristen.

3. Karten zeigen die Positionen dieser Komponenten

Die einzelnen Elemente beziehungsweise Komponenten auf einer Karte sind auf der Karte platziert, sodass sie eine bestimmte Position haben. Das bedeutet übrigens auch, dass der Raum zwischen den einzelnen Komponenten eine Bedeutung hat. Auf einer Karte ist es eben nicht egal, wo etwas auf der Karte abgebildet ist. Genauso wenig ist es egal, wo eine bestimmte Schachfigur während eines Spiels steht. Es kann ein großer Unterschied sein, ob Deine Dame auf H4 oder G5 steht, auch wenn die beiden Felder benachbart sind.

Dieses Merkmal gilt für die vielen Diagramme, die man uns zeigt, um strategische Entscheidungen zu treffen, nicht. Viele Elemente könnten wir beliebig hin und herschieben, ohne dass sich an der Bedeutung oder Aussage des Diagramms etwas verändern würde.

4. Karten haben einen Anker

Karten besitzen außerdem einen Anker. Ein Anker ist ein Bezugspunkt, der Dir hilft, sie zu benutzen. Jede Landkarte benötigt eine Kompassrose, mittels derer Du sie ausrichten kannst. Beim Schach ist der gegnerische König der Anker für Dein Spiel. Seine Position bestimmt, ob die Position Deiner Figuren gut oder schlecht ist.

5. Karten sind kontextspezifisch

Durch diese vier ersten Elemente sind Karten kontextspezifisch. Sie bilden nicht nur einzelne Elemente ab und zeigen sie „irgendwie“, sondern setzen sie in ein Verhältnis zueinander. Über eine Karte kannst Du damit auch Deine eigene Position bestimmen und sie in ein Verhältnis zu den auf der Karte befindlichen Elementen setzen.

6. Karten ermöglichen und visualisieren Bewegung

Karten ermöglichen außerdem Bewegung. Militärische Einheiten können auf einer Landkarte verschoben werden. Schachfiguren können auf andere Felder bewegt werden. Selbst auf alten Militär-Landkarten konnte die Bewegung von Einheiten durch Pfeile eingezeichnet werden.

Warum Karten hilfreicher sind als SWOT-Analysen

Was Simon Wardley mit dieser Liste von 6 Punkten festgestellt hat, ist, dass es zwar Werkzeuge für strategische Entscheidungen gibt, die einige diese Punkte erfüllen, aber keines dieser Werkzeuge erfüllt alle Punkte. Die meisten von ihnen lassen überhaupt keine (echten) strategischen Entscheidungen zu.

Oder um es mit Wardleys Worten zu sagen: Stell Dir vor, Du wärst ein Spartiat und die Armee des Xerxes‘ wäre im Anmarsch. Welchem Anführer würdest Du lieber folgen: Dem mit einer Landkarte und einem Verständnis der Umgebung oder demjenigen mit einer SWOT-Analyse?

SWOT Analyse Wardley Map

Soviel vorerst von meiner Seite zum Thema Wardley Maps. In den nächsten Wochen werde ich das Thema weiter mit Euch vertiefen. Also, schaut immer mal wieder vorbei!

CC-BY-SA

Dieser Blogartikel von Lars Richter basiert auf dem Werk von Simon Wardley und unterliegt daher der Creative-Commons-Lizenz Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0).