Messen Story Points eigentlich Aufwand oder Komplexität?

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Messen Story Points eigentlich Aufwand oder Komplexität?

Ich möchte ein wenig Licht ins Dunkel bringen, ob die sagenumwobenen Story Points nun Aufwand oder Komplexität messen. In vielen Scrum Teams herrscht immer wieder eine rege Diskussion darüber, selbst dann, wenn sie bekannte Methoden wie etwa Planning Poker nutzen. Viele meinen, Story Points würden Komplexität messen. (Selbst Tim Themann vertritt in seinem aktuellen Beitrag diese Ansicht.) Grundsätzlich ist es auch nicht falsch, Komplexität bei der Vergabe von Story Points zu berücksichtigen. Dazu muss man sich aber Folgendes verdeutlichen: Komplexität kann für die Vergabe von Story Points relevant sein, muss sie aber nicht.

Denn Komplexität ist für Story Points immer dann irrelevant, wenn sie keinen Einfluss auf den Aufwand einer User Story hat.

Story Points messen den Aufwand einer User Story und sollen uns helfen, Zeit einzuschätzen.

Das Ganze wird relativ schnell offensichtlich, wenn wir eine andere Größe näher betrachten, die eng mit unseren Story Points zusammenhängt: die sogenannte Velocity.

Wofür wird Velocity genutzt?

Wie der Name schon besagt, geht es bei dieser Kennzahl um Geschwindigkeit. Velocity gibt uns einen Maßstab an die Hand, mit dem wir zwei Dinge besser einschätzen können: Zum Einen wissen wir durch Velocity (relativ) gut, wie viele User Stories wir innerhalb eines Sprints umsetzen können. Und zum Anderen wissen wir (relativ) genau, wie lange es dauern wird, alle User Stories aus unserem Product Backlog umzusetzen.

Stell Dir ein Product Backlog vor, für dessen User Stories wir insgesamt 220 Story Points vergeben haben und dessen Scrum Team eine (historische) Velocity von 20 Punkten hat. Beim aktuellen Stand gehen wir deshalb davon aus, dass es 11 Sprints dauern wird, bis alle User Stories umgesetzt sind. Außerdem wissen wir, dass wir pro Sprint ungefähr 20 Story Points umsetzen können. Das können 20 User Stories mit 1 Story Point sein oder 1 User Story mit 20 Story Points. (Oder ein beliebiger Mix aus User Stories mit unterschiedlichen Story Points.)

Velocity funktioniert daher vom Aufbau her genauso wie eine alltägliche Geschwindigkeitsangabe wie km/h. Nur sind es bei der Velocity eines Scrum Teams eben keine km/h, sondern Story Points/Sprint.

Wann Komplexität relevant ist (und wann nicht)

Wir können uns sehr leicht Aufgaben vorstellen, die zwar nicht sonderlich komplex sind, aber sehr aufwändig. Umgekehrt gibt es Aufgaben, die sehr komplex sind, aber nicht aufwändig. Und es gibt natürlich auch Aufgaben, die komplex und und aufwändig sind.

Beispiel 1 – Nicht-komplexe, aber aufwändige Aufgaben

Stell Dir vor, Deine Aufgabe ist es, jedem Mitarbeiter Deines Unternehmens die Post an den Schreibtisch zu bringen. Jeden Morgen erhälst Du eine Tasche mit Briefen und Päckchen, die bereits anhand eines festen Laufplans vorsortiert wurden. Das ist eine ziemlich einfache Aufgabe: Du folgst einfach Deiner Route und legst jedem Kollegen die Post auf den Schreibtisch. Trotzdem ist das ziemlich aufwändig, denn Dein Unternehmen hat insgesamt 500 Mitarbeiter.

Würdest Du bei der Vergabe von Story Points nun lediglich Komplexität zugrundelegen, würde diese Aufgabe in Deiner Planung relativ gering bewertet werden.

Beispiel 2 – Komplexe, aber nicht aufwändige Aufgaben

Jetzt stell Dir vor, bei der Verteilung der Post wäre es wichtig, dass jeder Brief, jedes Paket und jedes Päckchen persönlich an den Empfänger übergeben wird. Noch dazu arbeiten alle Deine Kollegen in einem Großraumbüro, das keine festen Sitzplätze hat. Eine Vorsortierung Deiner Post ist also nicht mehr möglich, denn jeder Kollege sitzt jeden Tag an einem anderen Schreibtisch.

Allerdings kannst Du von (fast) jeder Position im Büro sehr gut sehen, wo jemand am heutigen Tag sitzt und arbeitet. Außerdem hat Dein Unternehmen nicht 500 Mitarbeiter, sondern lediglich 20. Wenn Du jetzt Deine Post verteilst, ist Deine Aufgabe zwar deutlich komplexer als im ersten Beispiel, aber der Aufwand sie zu bewältigen, ist viel geringer.

Würdest Du Story Points ausschließlich nach Komplexität vergeben, bekäme diese Aufgabe aber mehr Story Points als die Aufgabe aus Beispiel 1.

Beispiel 3 – Komplexe und aufwändige Aufgaben

Selbstverständlich ist es auch denkbar, dass die Komplexität einer Aufgabe auch ihren Aufwand beeinflusst. Leg einfach die gleiche Situation wie in Beispiel 2 zugrunde und stell Dir zusätzlich vor, dass in Deinem Großraumbüro Schallwände zwischen den Schreibtischen aufgestellt wurden, die Deine Sicht einschränken. Jetzt kannst Du nicht mehr alle Plätze im Büro gut einsehen. (Wenn Du magst, kannst Du auch zusätzlich die Anzahl Deiner Kollegen wieder von 20 auf 500 erhöhen.)

Durch die eingeschränkte Sicht ist Deine Aufgabe nun komplex und aufwändig. Du würdest bei der Planung von Aufgabe 3 mehr Story Points vergeben als für Aufgabe 2. Allerdings nicht allein deshalb, weil sie komplexer als Aufgabe 2 ist, sondern weil diese höhere Komplexität Einfluss auf den Aufwand der Aufgabe hat.

Weitere Faktoren: Unsicherheit und Risiken

Neben der Komplexität können auch noch andere Faktoren den Aufwand einer Aufgabe beeinflussen. Nimm noch einmal das erste Beispiel, von dem wir gesprochen haben. Du verteilst Post an Deine 500 Kollegen anhand einer festgelegten Route. Allerdings ist die Sortiermaschine, die die Post für Dich vorsortiert, nicht sonderlich zuverlässig. Wenn Empfängeradressen nicht sonderlich leserlich beschriftet sind, macht sie gerne Fehler bei der Sortierung. Dann tritt für Dich der Fall ein, dass Du plötzlich einen Brief für einen Kollegen in den Händen hälst, bei dem Du schon warst. Du musst also noch einmal zurückgehen.

Deine Aufgabe wird dadurch nicht komplexer, aber der Aufwand, sie zu erledigen, steigt durch Unsicherheiten und Risiken im Prozess. Auch hier würde man so einer Aufgabe in der Planung mehr Story Points geben als der Aufgabe aus Beispiel 1.

Fazit

Wenn wir uns jetzt zurückerinnern, dass Velocity uns eine Orientierung darüber geben soll, wieviel wir innerhalb eines Sprints erledigen können, beziehungsweise wie lange es Dauern wird, alle User Stories aus unserem Product Backlog zu erledigen, macht es keinen Sinn, Story Points nach Komplexität einer User Story zu vergeben. Relevant für die Vergabe von Story Points ist der geschätzte Aufwand, sie zu erledigen und Komplexität ist nur dann relevant, wenn sie Einfluss auf den Aufwand hat. Sonst nicht.

Von |2018-09-24T12:04:32+00:0024. September 2018|Kategorien: Scrum|Schlagworte: , , , |1 Kommentar

Über den Autoren:

Ich glaube an eine Arbeitswelt, in der Menschen darauf brennen, am Montag endlich wieder zur Arbeit gehen zu dürfen. Deshalb helfe ich Menschen, Unternehmen und Organisationen, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass sich Motivation und Engagement entfalten können.

Ein Kommentar

  1. […] 24.09.2018: Lars Rich­ter weist in sei­nem sehr lesens­wer­ten Arti­kel „Mes­sen Sto­ry Points eigent­lich Auf­wand oder Kom­ple­xi­tät?“​5 völ­lig zu Recht dar­auf hin, dass mir (wohl in dem Ver­such, einen poin­tier­ten […]

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