Das dritte Phänomen bei Konflikten, das regelmäßig auftaucht, ist die Suche nach einem Schuldigen: das Blame Game. Dabei ist es vollkommen zweitrangig, ob die Schuld direkt zugewiesen wird („Es ist Deine Schuld, dass der Abwasch liegen bleibt!“) oder indirekt. („Lass es uns ab sofort besser machen.“) Wenn wir das Blame Game spielen, geht es eben immer nur darum, den Schuldigen an einer Situation zu finden: Wer ist schuld, dass der Abwasch liegen blieb? Wie bewerten wir ihn bzw. seine Handlungen? Wie soll er oder sie bestraft werden und welche Konsequenzen hat das für ihn oder sie?

Die Suche nach dem Schuldigen fällt immer ein Urteil oder eine Bewertung und ist vor allem eines: rückwärts-gerichtet. Die Folge ist, dass sich der „Angeklagte“ verteidigt, dass Spannungen und starke Gefühle aufkommen und alle Beteiligten in einen handfesten Streit geraten.

Suche nach Beiträgen

Wenn Du dem Blame Game entkommen möchtest, suchst Du gemeinsam mit allen Beteiligten nach Beiträgen, die dazu führten, dass sich die Situation so entwickeln konnte, wie sie jetzt ist. Und zwar nach den Beiträgen aller Beteiligten. In den allermeisten Fällen ist es nämlich so, dass jeder – und wenn auch nur zu einem kleinen Teil – dazu beigetragen hat, dass ein Konflikt entstehen konnte.

Die Suche nach Beiträgen versucht nicht, jemanden zu bewerten, sondern zu verstehen. Im Gegensatz zum Blame Game ist die Suche nach Beiträgen vorwärtsgerichtet, denn sie hilft Dir das Beziehungssystem so zu verändern, dass der Konflikt in Zukunft nicht mehr entstehen kann. Denn einen Schuldigen zu identifizieren, löst nicht die fehlerhaften Mechanismen im Beziehungssystem. Einen Schuldigen zu finden, identifiziert einen Schuldigen. Das eigentliche Problem bleibt dabei ungelöst. Nur wenn es gelingt, die Beiträge eines jeden zu entdecken und zu verstehen, können Veränderungen im Beziehungssystem etabliert werden.

Häufige Fehlinterpretationen

Die Suche nach (gemeinsamen) Beiträgen wird häufig missverstanden. Deshalb lohnt es sich, ein paar Worte zu „üblichen Fehlinterpretationen“ zu verlieren.

Fehlinterpretation 1: Es geht nur um meine eigenen Beiträge

Das erste Missverständnis ist, dass man schnell der Meinung ist, dass es bei der Suche nach Beiträgen darum geht, sich ausschließlich auf die eigenen Beiträge zu konzentrieren. Wenngleich es sicherlich nie schaden kann, in sich zu gehen und darüber nachzudenken, was man selbst zu einer Situation beigetragen hat, ist es falsch, nicht über die Beiträge anderer nachzudenken und auch zu sprechen. Fast immer wird es so sein, dass in einem Konflikt beide Seiten einen Beitrag dazu geleistet haben, dass dieser Konflikt entstehen konnte.

Diese Beiträge müssen übrigens nicht gleichmäßig verteilt sein. Es ist durchaus denkbar, dass Du nur ein klein wenig – 5 % – zu einer Situation beigetragen hast. (Aber Du hast dazu beigetragen.)

Fehlinterpretation 2: Ich muss meine Gefühle verdrängen

Gemeinsam auf die Suche nach Beiträgen zu gehen, bedeutet nicht, dass man nicht über seine Gefühle sprechen darf und man sie unterdrücken muss. Ganz im Gegenteil! Unterdrückte Gefühle sind meist der beste Weg, wieder ins Blame Game einzusteigen. Mache Deine Gefühle explizit: Welche Beiträge des anderen haben dazu geführt, dass Du so fühlst wie Du fühlst. (Es ist nichts Schlechtes daran, über Emotionen zu reden. Es ist nur schlecht, emotional über Emotionen zu reden.)

Fehlinterpretation 3: Wir machen das Opfer zum Täter

Wenn wir uns mit dem Beitrag eines jeden beschäftigen, bedeutet das nicht, dass wir aus Opfern Täter machen. Tatsächlich reden wir nicht über Schuld oder Unschuld, sondern suchen nach Möglichkeiten, das wiederholte Auftreten eines Konfliktes zu vermeiden. Wenn ein Schüler von seinen Mitschülern gemoppt wird, trägt er sicherlich keinerlei Schuld an dieser Situation. Aber wenn er diese Situation schweigend erträgt und sich nicht an jemanden wendet, der ihm helfen kann, ist auch das ein Beitrag dafür, dass die Situation so bleibt wie sie ist. „Hilfe zu suchen“ ist eine mögliche Veränderung seines eigenen Beitrags, die dazu führen kann, dass der Konflikt beendet wird.

Vier klassische Beiträge, die uns häufig nicht bewusst sind

Auch wenn Du meinst, nichts zu einem Konflikt beigetragen zu haben, ist Nichtstun ein häufig übersehener Beitrag dafür, dass eine Situation sich immer weiter in Richtung „echter Konflikt“ bewegen konnte. Wir ignorieren bestimmte Dinge, sprechen sie nicht an oder schweigen über etwas, obwohl es uns stört.

Hotfix 1: Sprich für Dich relevante Dinge so früh wie möglich an. Je länger Du wartest, desto mehr vergrößerst Du die Chance, dass der Konflikt sich verschlimmert.

Wenn Du Dich nicht für die Meinungen und Bedürfnisse anderer interessierst, streitlustig oder unfreundlich bist, wenn jemand mit Dir über etwas sprechen möchte, erzeugst Du keine Atmosphäre, die dem anderen hilft, Dinge anzusprechen.

Hotfix 2: Höre dem anderen zu, um zu verstehen und nicht, um ihn zu widerlegen. (Das heißt nicht, dass Du seine Ansicht teilen musst.)

Konfliktsituationen entstehen dadurch, dass unterschiedliche Weltbilder und Sichtweisen in einen gemeinsamen Beziehungskontext fließen. Wann immer Du mit anderen kommunizierst, lebst und arbeitest, bringst Du genau wie alle anderen, Deine Sichtweisen und Perspektiven mit in diesen Kontext. Deine Sichtweisen und Perspektiven sind ein (potenzieller) Beitrag für die Entstehung von Konflikten!

Hotfix 3: Mache Deine Sichtweisen und Perspektiven explizit, damit andere verstehen können.

Welches Verständnis hast Du über Deine Rolle in diesem Konflikt? Wie verstehst Du die Rolle des anderen? Welche Deiner Rollenannahmen sind problematisch und verstärken den Konflikt? Welche anderen Rollen können Euch helfen, solche Konflikte in Zukunft zu vermeiden?

Hotfix 4: Sprecht über Euer Rollenverständnis und überlegt gemeinsam, welche Annahmen einen Beitrag für Euer Problem leisten. Überlegt Euch gemeinsam andere Rollenmodelle, die Euch helfen, Dinge besser zu lösen. Welche Skills benötigt Ihr, um diese Rollen ausfüllen zu können?

Methode 1 – Perspektivwechsel

Wenn Du es schwierig findest, Deine Beiträge zu einem Konflikt zu erkennen, übe Dich im Perspektivwechsel. Stelle Dir die Frage: „Was würden sie sagen, was ich zu Situation beigetragen habe?“ Welche möglichen Antworten auf diese Frage sind tatsächlich Deine Beiträge zur Situation? Welche dieser Beiträge kannst Du verändern, damit die aktuelle Situation nicht mehr auftritt?

Methode 2 – Der Dritte-Person-Blickwinkel

Auch auf der Suche nach Beiträgen kann Dir der sogenannte Dritte-Person-Blickwinkel helfen, zu verstehen. Überlege Dir, was jemand an der Situation vollkommen Unbeteiligtes darüber sagen würde, was Dein Beitrag ist. Wenn Dir das allein zu schwerfällt, bitte jemand anderes um seine Sichtweise.

Aber Vorsicht: Gehe nicht zu jemandem, von dem Du weißt, dass er Dich nur in Deiner Sichtweise bestätigen wird. (Zum Beispiel zu Deinem besten Freund oder Freundin…) Gehe lieber zu jemandem, von dem Du denkst, dass er Dein größter Kritiker ist. Das kann zwar hart sein, aber hilft Dir weiter. Möchtest Du verstehen oder Dich bestätigen lassen?

Methode 3 – Sei explizit!

Sehr häufig reden wir aneinander vorbei oder streiten uns mit anderen, weil wir Dinge unerwähnt lassen, von denen wir glauben, dass sie „selbstverständlich“ oder „vollkommen klar“ wären. Meistens stellt sich jedoch heraus, dass das nicht der Fall ist. Andere wissen nicht, wie wir uns fühlen, was in uns vorgeht oder welche Wirkung ihr Tun und Handeln in uns erzeugt.

Deshalb ist es wichtig, es ihnen mitzuteilen: Sei explizit! Nur dann, wenn Du explizit bist, und sagst, was in Dir vorgeht, hilfst Du ihnen, Dich zu verstehen. Finde Wege (und den Mut), Dich anderen zu öffnen, damit sie die Chance haben, auf Dich einzugehen und ihr Verhalten zu verändern. (Fehlinterpretation 1: Es geht nur um meine Beiträge)

Methode 4 – Visualisiere das Beitragssystem

Fertige eine einfache, zweispaltige Tabelle an, in der Du Deine eigenen Beiträge und die Beiträge des anderen festhältst. Fülle die Spalte mit Beiträgen, die den Konflikt am Laufen halten. Am besten kannst Du das gemeinsam mit „den anderen“ tun. Sprecht über die Wirkung der Beiträge auf Euch und darüber, was mögliche Alternativen zu diesen Beiträgen sein können. Diese Methode kann anfangs etwas ungewohnt sein und „künstlich wirken“, ist aber sehr geeignet, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. (Denkt daran, zwischen Absicht und Wirkung zu unterscheiden.)