Schwierige Gespräche beginnen

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Schwierige Gespräche beginnen

Vielleicht stehst Du ja aktuell vor der Situation jemandem etwas mitzuteilen, das Dich persönlich sehr stört. Aber Du weißt noch nicht einmal, wie Du dieses schwierige Gespräch beginnen sollst? Oder Du bist der Vorgesetzte eines Mitarbeiters und möchtest ihm Feedback geben. Aber trotz aller Kritik möchtest Du das gute Verhältnis nicht belasten? Dann wird Dir dieser Artikel bestimmt weiterhelfen, denn hier zeige ich Dir drei wichtige Punkte, die Du beachten kannst, wenn Du ein schwieriges Gespräch beginnst: Der Dritte-Person-Blickwinkel, die UND-Haltung und das Lern-Gespräch, das den Fokus auf Verstehen legt.

Das Phänomen

Diskussionen, Streit oder Konflikte über bestimmte Themen entstehen in der Regel nicht darüber, was tatsächlich passiert ist. Diskutiert und gestritten wird hauptsächlich darüber, wer die „richtige Sichtweise“ hat. Was wir dabei häufig vergessen: Auch unsere eigene Sichtweise ist nur eine Interpretation der vorliegenden Fakten, die stark durch unsere eigenen Erfahrungen, Erlebnisse, Werte beeinflusst wird. Sie fühlt sich nur deshalb „so wahr“ an, weil wir uns ausschließlich innerhalb unserer eigenen Perspektive bewegen.

Wir versuchen dann, den anderen mit Hilfe von Argumenten und Schlussfolgerungen, Beispielen und Herleitungen von „der Wahrheit“ zu überzeugen und zu beweisen, dass (nur) wir die Sache richtig verstanden haben. Die Position des anderen ist dabei natürlich falsch oder sogar vollkommen an den Haaren herbeigezogen. Für uns selbst ist in diesen Momenten klar: Wir haben Recht, der andere Unrecht.

Das Problem ist nur: Unsere Schlussfolgerungen funktionieren lediglich innerhalb unserer eigenen Perspektive, während sie innerhalb der Denkweise des anderen überhaupt nicht funktionieren – und umgekehrt. Zweitens schaltet der von uns Angegriffene in den Verteidigungsmodus. Genauso wie wir in uns selbst ebenfalls verteidigen, wenn unsere Sichtweise als falsch dargestellt wird. Was dann folgt, ist ein Schlagabtausch von Positionen, bei denen keiner dem anderem zuhört und schließlich jeder nur noch stärker auf seiner Sichtweise beharrt.

Wenn wir also glauben, dass nur wir mit einer Sache richtig liegen, ist das meistens überhaupt nicht der Fall. Aber selbst dann, wenn wir tatsächlich im Recht sein sollten, löst auch das den Konflikt nicht. Argumente und Schlussfolgerungen verändern das Verhalten von anderen nicht oder nur in den seltensten Fällen – selbst dann, wenn sie zutreffen.

Sag einem Raucher: „Rauchen ist gesundheitsschädlich und verursacht Krebs. Du solltest damit aufhören!“ und er wird Dir sicherlich zustimmen. Mit dem Rauchen wird er dann allerdings höchstwahrscheinlich nicht aufhören. Und deshalb es gibt deutlich bessere Möglichkeiten, schwierige Gespräche zu beginnen!

Beispiel

Stell Dir vor, Du wohnst in einer WG und Dein Mitbewohner wäscht das Geschirr nicht sofort nach jedem Essen ab (so wie Du), sondern sammelt es immer für einige Tage, um das Ganze „in einem Schwung“ abzuwaschen. Für Dich selbst ist der Fall klar – für Deinen Mitbewohner allerdings auch. Deine Argumente, um Deine eigene Position zu „beweisen“, funktionieren jedoch nur innerhalb Deines eigenen Denksystems.

Hat jeder Gesprächspartner tatsächlich alle bzw. die gleichen Informationen?

Hotfix 1: Tauscht gegenseitig Informationen aus!

Welche verfügbaren Informationen hast Du ausgewählt, um Deine Sichtweise zu unterstützen? Welche hast Du ignoriert?

Hotfix 2: Sprecht über die Bedeutung der einzelnen Informationen für Euch.

Was ist eine wirklich unbestreitbare Tatsache und wo hast Du bereits Deine Interpretation hinzugefügt?

Hotfix 3: Frag Deinen Gesprächspartner, wie er bestimmte Informationen bewertet.

Konflikte lassen sich viel eher dadurch auflösen, dass wir unsere eigene Deutungshoheit aufgeben, die Überzeugungsstrategie beenden und damit beginnen, uns gemeinsam mit dem anderen darüber auszutauschen, woher die verschiedenen Perspektiven kommen.

Wie beginne ich mein Gespräch?

Wenn Du einen Konflikt lösen möchtest, statt ihn zu verschärfen, solltest Du versuchen, das eingangs geschilderte Phänomen zu vermeiden. Dazu kannst Du drei Punkte beachten, die es Dir leichter machen, schwierige Gespräche zu beginnen.

  • Finde einen gemeinsamen Startpunkt, den ihr beide akzeptieren könnt, und von dem aus Ihr Eure unterschiedlichen Perspektiven erforschen könnt.

  • Mache deutlich, dass jede Sichtweise gleichberechtigt neben der anderen stehen kann (und muss). Richtig und falsch sind Kategorien, die Euch nicht weiterhelfen. Es gibt kein richtig oder falsch – nur unterschiedlich.

  • Mach klar, dass der Zweck dieses Gesprächs für Dich ist, den anderen zu verstehen und zu lernen, was seine Sichtweise dazu ist.

Der Dritte-Person-Blickwinkel

Um einen gemeinsamen Startpunkt zu finden, ist es meistens sinnvoll, nach unstrittigen Fakten Ausschau zu halten, die sich in der Situation „verstecken“. Im unserem Abwasch-Beispiel ist es das Faktum, dass der Abwasch oft für einige Tage liegen bleibt. (Strittig ist lediglich, was diese Tatsache für jeden Einzelnen bedeutet.)

In schwierigeren Fällen kann es auch hilfreich sein, sich zu überlegen, wie jemand vollkommen Unbeteiligtes die Situation beschreiben würde. Diese Beschreibung Eurer Situation aus dem Blickwinkel einer dritten Person kannst Du nutzen, um Dein Gespräch zu beginnen. Achte aber darauf, dass sie keine Interpretationen enthält!

Verbinde verschiedene Perspektiven mit der UND-Haltung

Von Eurem gemeinsamen Startpunkt (dem Blickwinkel der dritten Person) kann Du nun weitergehen und ansprechen, dass zu diesem Punkt offensichtlich verschiedene Sichtweisen existieren. Wie schon erwähnt, musst Du darauf achten, dass Du diese Sichtweisen nicht als richtig oder falsch darstellst, sondern eben nur als unterschiedlich.

Dein Gesprächspartner muss seine Sichtweise als gleichberechtigt wiederfinden, damit er sich auf das Gespräch einlassen kann. Das bedeutet allerdings nicht, dass Du mit der Sichtweise des anderen auch einverstanden sein musst oder dass Du Deine eigene Sichtweise aufgeben musst!

Mit der sogenannten UND-Haltung kannst Du verschiedene Sichtweisen gleichberechtigt nebeneinanderstellen. Wenn Du Dich sicher genug fühlst, kannst Du auch bereits Gefühle, die die Situation in Dir auslöst, mit der UND-Haltung verknüpfen. Achte jedoch stets darauf, Sichtweisen und Interpretationen auch als solche zu benennen und somit für Deinen Gesprächspartner kenntlich zu machen.

In unserem Abschwasch-Beispiel aus der (natürlich rein fiktiven) WG könnte das folgendermaßen aussehen:

  • Der Abwasch bleibt oft einige Tage auf der Spüle liegen. (Faktum)

  • Und ich finde, dass er direkt nach jedem Essen erledigt werden sollte

  • und ich ärgere mich darüber, wenn er liegen bleibt

  • und ich weiß, dass Du der Ansicht bist, dass er durchaus für einige Tage gesammelt werden sollte

  • und offensichtlich haben wir unterschiedliche Sichtweisen darüber, wie oft der Abwasch erledigt werden sollte

  • und

  • und

  • und …“

Mit der UND-Haltung kannst Du sehr leicht verschiedene Sichtweisen miteinander verbinden und entkommst somit dem Spielchen um die Deutungshoheit, was richtig und was falsch ist. Vergiss nicht: Es geht nicht darum, die Sichtweise des anderen als besser oder sinnvoller als Deine eigene darzustellen. Auch Deine Sichtweise ist relevant! Es geht nicht darum, dass Du sie durch die UND-Haltung aufgeben sollst.

Teile den Zweck des Gesprächs

Als Letztes ist es wichtig, Deinem Gesprächspartner auch klar und deutlich mitzuteilen, was der Zweck des Gespräches sein soll. Dein Gesprächspartner muss wissen, dass es Dir nicht darum geht, ihn von Deiner Wahrheit zu überzeugen, sondern dass es Dir darum geht, seine Sichtweise zu verstehen und von dort Wege zu einer gemeinsamen Lösung zu entwickeln.

Kommuniziere also klar, dass das Ergebnis des Gespräches offen ist und gib dem anderen auch die Möglichkeit, das Gespräch anzulehnen. (Wenn wir spüren, dass wir tatsächlich eine Wahl haben, dann sind wir viel eher bereit, uns auf etwas einzulassen.)

Dazu kannst Du eine der folgenden Formulierungen dazu nutzen:

  • „Was ist Deine Sichtweise dazu?“

  • „Ich frage mich, ob …?“

  • „Mich interessiert, wie Du das siehst!“

  • „Gibt es einen Weg, wie wir gemeinsam eine Lösung dazu finden können?“

Ein Gespräch über den Abwasch beginnen

Zusammengefasst könnte der Einstieg in das gemeinsame Gespräch über den WG-Abwasch also folgendermaßen aussehen:

Unser Abwasch bleibt häufig über mehrere Tage auf der Spüle liegen. Ich finde, dass er direkt nach jedem Essen erledigt werden sollte und ich ärgere mich darüber, wenn er liegen bleibt. Und ich weiß, dass Du der Ansicht bist, dass er durchaus für einige Tage gesammelt werden sollte. Offensichtlich haben wir unterschiedliche Sichtweisen darüber, wie oft der Abwasch erledigt werden soll.

Mich interessiert wirklich, wie Du das siehst! Möchtest Du Dich mit mir darüber unterhalten?

Finde Deine eigenen Worte!

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man oft versucht ist, magische Formulierungen zu finden, mit denen man garantiert das erreicht, was man erreichen möchte.

Solche Formulierungen gibt es nicht.

Jedes Gespräch ist anders, jede Situation ist anders und jeder Gesprächspartner ist anders. Formulierungen, die für Dich gut funktionieren, sind vielleicht für mich überhaupt nicht praktikabel.

Bitte verstehe meine Beispiele deshalb auch nur als Beispiele! Sie dienen lediglich dazu, auszudrücken, was „dahinter steht“. Für ein „echtes Gespräch“ sind sie in den meisten Fällen sicherlich denkbar ungeeignet. Du wirst Deinen eigenen Weg und Deine eigenen Formulierungen finden müssen, um erfolgreich ein schwieriges Gespräch zu beginnen. Das Wichtigste ist, dass Dein Gesprächspartner erkennen kann, dass Du verstehen und nicht überzeugen willst und dass seine Sichtweise trotz Eurer Differenzen eine legitime Perspektive ist.

Diesen Artikel gibt es auch als praktisches Handout zum Download!

Von |2018-10-07T14:05:04+00:0017. September 2018|Kategorien: Feedback-Matrix, Methodenkiste, Methodik|Schlagworte: |0 Kommentare

Über den Autoren:

Ich glaube an eine Arbeitswelt, in der Menschen darauf brennen, am Montag endlich wieder zur Arbeit gehen zu dürfen. Deshalb helfe ich Menschen, Unternehmen und Organisationen, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass sich Motivation und Engagement entfalten können.

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