Schreiben am Flipchart

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Schreiben am Flipchart

Niemand würde in Frage stellen, dass es wichtig ist, als Trainer in einem Workshop laut und deutlich zu sprechen, damit jeder Teilnehmer gut hören kann, was gesagt wird. Seltsamerweise werden viele Trainer bei der Gestaltung ihrer Flipcharts nachlässig. Gute und lesbare Schrift scheint nicht so wichtig zu sein und nicht selten hört man die Ausrede: „Ich kann halt nicht so gut schreiben!“ Andere weichen aufgrund einer schlechten Schrift auf das Medium PowerPoint aus. Dann sehen die Charts zwar schick aus(1), aber das Medium „Beamer“ geht in 99 % aller Fälle zu Lasten der Teilnehmeraktivität. Es heißt nicht umsonst Death by PowerPoint.

Dabei ist eine gut lesbare Schrift am Flipchart gar nicht so schwer, wie man vielleicht denkt. Und daher habe ich hier einmal alle guten Tipps und Übungen für eine gut lesbare Schrift, auf die ich bisher gestoßen bin, zusammengestellt, um Dir zu zeigen, dass das Schreiben am Flipchart gar nicht so schwer ist, wie man vielleicht meint.

Allgemeines

Für eine gute lesbare Schrift am Flipchart, die für Deine Teilnehmer leicht zugänglich ist, solltest Du vor allem Druckschrift nutzen und keine Schreibschrift. Verwende außerdem Groß- und Kleinbuchstaben, denn das AUSSCHLIESSLICHE NUTZEN VON GROSSBUCHSTABEN ERSCHWERT DIE LESBARKEIT UNGEMEIN, VOR ALLEM, WENN ES EIN BESONDERS LANGER SATZ IST! Verzichte auf so genannte Serifen und übe eine serifenlose Schrift. Auch das erhöht die Lesbarkeit.(2)

Du kannst natürlich, um Deine Flipcharts aufzulockern, die oben genannten Mittel nutzen, solltest Dich aber auf Überschriften und andere markante Stichwörter beschränken! Der „normale Text“ sollte durchgängig auf diese Merkmale verzichten.

Der Kalligraphie-Effekt

edding383

Verwende zum Schreiben Stifte mit Keilspitze, die einen so genannten Kalligraphie-Effekt erzeugten, beispielsweise den weit verbreiteten Edding 383. Auch das erhöht die Lesbarkeit deutlich. Wichtig ist hierbei jedoch, dass Du die Keilspitze beim Schreiben auch richtig einsetzt. Am besten ist es, wenn die Spitze nach links unten, etwa auf 8 Uhr zeigt. (Diese Regel gilt allerdings nur für Rechtshänder, Linkshänder sollten die Stellung auf 2 Uhr nutzen.)

Das Liniensystem

Liniensystem

Um eine möglichst gut lesbare Schrift zu erzielen, müssen wir uns zunächst mit ein klein wenig Theorie auseinander setzen. Den gesamten senkrechten Bereich, den ein Buchstabe einnehmen kann, unterteilt man in ein so genanntes Liniensystem.

Dieses Liniensystem hat drei verschiedene Bereiche:

  1. Der mittlere Bereich ist der Bereich, wo sich die (kleinen) Buchstaben befinden, die weder eine Ober- noch eine Unterlänge besitzen; also beispielsweise Buchstaben wie c, e, a, x und so weiter. Dieser Bereich wird auch Mittellänge genannt und nimmt in etwa 3/5 des gesamten senkrechten Bereiches unseres Schriftbildes ein.
  2. Buchstaben wie b, h, k und so weiter haben eine so genannte Oberlänge, die 1/5 unseres vertikalen Bereiches einnimmt.
  3. Bei Buchstaben wie etwa g, j oder p reicht die Unterlänge in das letzte Fünftel.

Um eine optimale Schriftgröße auf einem Flipchart zu erreichen, schreibt man die kleinen Buchstaben ohne Ober- und Unterlänge genau in der Höhe der Kästchen auf einem karierten Flipchartpapier, also 2,5 cm (oder auch 1“). Ober- und Unterlängen der Buchstaben hält man zur besseren Lesbarkeit möglichst kurz, da für diese Bereiche nur jeweils 1/5 vorgesehen ist. Großbuchstaben nehmen den Bereich von Mittel- und Oberlänge ein.

Buchstaben mit Mittellängen üben

Mittellängen cea

Um eine möglichst gut lesbare Schrift zu trainieren, empfiehlt es sich, zunächst nur die Buchstaben c, e und a einzuüben. Warum? Nun, insbesondere der (kleine) Buchstabe c ist die Basis für viele weitere Buchstaben, nämlich e, a, o, q, d und g.

Übe also zuallererst ausschließlich diesen Buchstaben und zwar so lange, bis er auf einem Flipchartblatt genau zwischen zwei Linien liegt. Danach erweiterst Du die Übung um den Buchstaben e und wenn Du diese beiden Buchstaben ausreichend geübt hast, erweiterst Du das c zu einem a. Aus einem anfänglichen c lässt sich zudem auch leicht ein o erzeugen.

Ober- und Unterlängen hinzufügen

Wenn Du die drei Buchstaben c, e und a ausreichend geübt hast, kannst Du daran gehen, diese zu anderen Buchstaben zu erweitern. Aus einem a lässt sich beispielsweise durch das Hinzufügen von Unter- beziehungsweise Oberlängen ein q, ein d und/oder ein g erzeugen.

Ober- und Unterlänge hinzufügen aqdg

Wichtig ist hier, dass Du die Ober- und Unterlängen Deiner Buchstaben konsequent möglichst kurz hältst und auf ausladende Schwünge verzichtest. Parallel kannst Du aus einem gespiegelten c (vorher ausgiebig das o üben) ein p oder ein b erzeugen.

Pangramme

Pangramme sind Sätze, die alle Buchstaben unseres Alphabets beinhalten und sich somit hervorragend zum Einüben einer gut lesbaren Schrift eignen. Meine persönlichen Highlights sind:

  • Zwölf Boxkämpfer jagen Eva quer über den großen Sylter Deich.
  • Falsches Üben von Xylophonmusik quält jeden großen Zwerg.
  • Schweißgequält zündet Typograph Jakob verflixt öde Pangramme an.

Aber es gibt natürlich noch jede Menge weitere Pangramme im Internet zu finden, die das Einstudieren einer lesbaren Schrift erleichtern. Leg Dir ein Repertoire an Pangrammen zu und übe täglich jeden Tag ein bis drei Pangramme an einem stehenden Flipchart. Schon nach wenigen Wochen wirst Du bemerken, dass Deine Schrift immer regelmäßiger und besser wird.

Die Neuland-Schrift

Neuland-Schrift

Eine sehr gute Moderationsschrift, die viele Aspekte der Lesbarkeit beachtet, ist die Schrift von Neuland. Wenn Du selbstständiger Trainer oder Coach bist, kennst Du den Onlineshop vielleicht schon, denn dort findet man viele schöne Materialien für Trainer – für die man allerdings auch viel Geld ausgeben kann… Kostenlos ist jedoch die genannte Moderationsschrift. Diese kommt im TrueTypeFont-Format daher und wenn Du diese auf Deinem Rechner installierst, kannst Du Deine eigenen Pangramme ausdrucken und nachschreiben.

Wenn Du bequem am Schreibtisch üben möchtest, habe ich ein paar schicke Übungsblätter für Dich angefertigt, die Du ausdrucken kannst. Diese Übungsblätter sind deshalb so gut geeignet, weil sie zwar im DIN A4-Format sind, aber die gleiche Kästchengröße haben wie ein handelsübliches, kariertes Flipchartblatt. Außerdem sind Ober- und Unterlängen durch gestrichelte Linien kenntlich gemacht, damit Dir der Anfang leichter fällt.

Den Kontrast erhöhen

Die Linien auf kariertem Flipchartpapier sind zwar hilfreich beim Schreiben, verringern jedoch für unser Auge den Kontrast und reduzieren die Lesbarkeit der Flipchartschrift. Um das zu umgehen, solltest Du kariertes Papier auf dem Flipchart immer umdrehen, sodass sich die Linien auf der Rückseite befinden. Die Linien schimmern ganz leicht hindurch und helfen Dir beim Schreiben, sind aber aus etwas größerer Entfernung nicht mehr (beziehungsweise kaum noch) zu sehen. Der Kontrast zwischen schwarzer Schrift und weißem Papier erhöht sich dadurch ungemein. Wenn Du Dich schon sehr sicher fühlst, kannst Du natürlich auch gänzlich auf rein weißes Papier umsteigen. Auch das erfordert etwas Gewöhnung, aber wenn Du bereits durch die obigen Tipps eine regelmäßige und gut lesbare Schrift erreicht hast, wirst Du auch schnell auf die Hilfslinien verzichten können.

Kleiner Tipp am Rande: Wenn Du Flipcharts bereits vorbereitet hast, solltest Du zwischen jedem vorbereiteten Blatt ein leeres Trennblatt lassen. Das hat zwei Vorteile: a) Die Schrift des unterliegenden Blattes schimmert nicht hindurch und b) sollten Deine Teilnehmer einmal sehr viele Antworten geben, hast Du noch ein „Reserveblatt“, das Du für diese Stichpunkte nutzen kannst, ohne wild hin und her zu blättern.

Üben, üben, üben!

Wirf nicht gleich die Flinte ins Korn, wenn nicht alles sofort so aussieht, wie Du es gerne hättest. Auch meine eigene Schrift möchte ich heute noch verbessern, ganz besonders dann, wenn es im Seminar einmal doch wieder hektischer wurde und ich bestimmte Stichpunkte nur „hingeschmiert“ habe. Das gehört dazu! Wenn Du perfekte Schriftzüge haben möchtest, musst Du entweder von Beruf Typograph sein oder PowerPoint nutzen.

Übe in kleinen Schritten und setz die oben genannten Tipps nach und nach um. Wenn Du einmal keine Lust mehr hast, eine gut lesbare Schrift zu üben, lass das Üben ruhen und tue etwas anderes! Beispielsweise kannst Du Sketchnotes anfertigen und einmal etwas machen, was nichts (beziehungsweise nicht so viel) mit Schreiben zu tun hat.

Achte auch darauf, dass Du nicht zu viel Text auf Deine Flipcharts bringst und Deine Präsentation zur „Textwüste“ wird. Worauf Du bei Präsentationen und Flipcharts achten solltest, kannst Du in meinem Artikel Multimediales Lernen nachlesen.

Ich wünsche Dir viel Spaß beim Üben!

Anmerkungen   [ + ]

1.Zumindest, wenn alle wichtigen Gestaltungsregeln beachtet wurden
2.Das gilt im Übrigen auch für die Schrift von Webseiten, die ausnahmslos ohne Serifen sein sollte!
Von |2018-05-03T10:48:02+00:002. Juni 2014|Kategorien: Medien, Visualisieren|Tags: , , , , , |2 Kommentare

Über den Autoren:

Ich glaube an eine Arbeitswelt, in der Menschen darauf brennen, am Montag endlich wieder zur Arbeit gehen zu dürfen. Deshalb inspiriere ich Menschen, Unternehmen und Organisationen, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass sich Motivation und Engagement entfalten können.

2 Comments

  1. David Goebel 23. Juni 2016 um 13:32 Uhr - Antworten

    Hallo Herr Richter,

    eine brauchbare Flipchart-Schrift zu üben ist in der Tat recht einfach und bedarf nur ein wenig Übung. Gute Stifte sind natürlich auch hilfreich, denn was hilft die schönste Schrift, wenn der Stift schmiert und schlappmacht.

    Ich habe meinen Lieblingsstiften von Neuland mal ein paar Liebesbeweise geschrieben.
    http://sinnstiften.biz/die-besten-flipchart-stifte/

    Viele Grüße,
    David Goebel

  2. […] sich der Artikel zum Schreiben am Flipchart recht großer Beliebtheit erfreut, wurde ich gebeten, noch ein wenig mehr über die Nutzung des […]

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