Rezension: Prozess und Philosophie des Helfens

  • Rezension Prozess und Philosophie des Helfens

Rezension: Prozess und Philosophie des Helfens

Wäre es nicht schön, wenn Kunden nicht ständig die Ratschläge von Beratern in den Wind schlagen würden und einmal das umsetzen würden, was man ihnen sagt? Ja, wäre es! Die Ursache für diese „Verweigerungshaltung“ liegt aber nicht in der Unfähigkeit oder Dummheit des Hilfesuchenden.

Das Problem liegt vielmehr in der falschen Vorgehensweise des Beraters. Dieser liefert zwar oft eine exakte Analyse des Klienten-Problems und verschreibt die passende Medizin dazu, vergisst jedoch, vorher eine ausgeglichene zwischenmenschliche Beziehung herzustellen, die es dem Hilfesuchenden möglich macht, Hilfe auch anzunehmen. Klingt komisch, ist aber so! Egal wie einfach ein Problem aus Beraterperspektive auch erscheinen mag: der Prozess des Hilfe-Annehmens und Hilfe-Gebens ist es nicht.

3.4 / 5 Gesamt
Pro
  • Präziser Blick auf die kulturellen und zwischenmenschlichen Mechanismen beim Prozess des Helfens
  • Exakte und sehr konkrete Tipps
Kontra
  • Hoher Preis
  • Humble Inquiry sehr kurz
Aufmachung
Inhalt
Praxisbezug
Preis

Aufmachung und Aufbau

Prozess und Philosophie des Helfens gliedert sich in insgesamt neun Kapitel, die zwischen 10 und 20 Seiten haben. Im ersten Kapitel betrachtet Edgar Schein den Begriff des Helfens und zeigt auf, wie vielseitig der Begriff seiner Ansicht nach ist. Darauf folgt im zweiten Kapitel eine Analyse, wie sich über Sprache die Grundlagen der menschlichen Beziehungen besser verstehen lassen. Im dritten Kapitel werden diese neu gefundenen Begriffe auf die helfende Beziehung angewendet. Dadurch gelingt es dem Autoren zu zeigen, dass diese Beziehungen zunächst unausgeglichen und vieldeutig sind.

Im vierten Kapitel definiert Schein dann drei verschiedene Helferrollen (Experte, Arzt und Prozessberater) und zeigt, dass wir – wenn wir Helfender sind – meist viel zu schnell in die Rolle des Arztes oder Experten wechseln, ohne zuvor die Mechanismen der momentanen Beziehung durchschaut zu haben. Im fünften Kapitel stellt der Autor kurz seine Methode der helfenden Befragung vor: Humble Inquiry. Kapitel sechs widmet sich dann mit verschiedensten Beispielen der Darstellung von Humble Inquiry, um dann (in Kapitel sieben und acht) die zu Beginn des Buches aufgeworfene Frage nach guter Teamarbeit, Führung und Change Management zu beleuchten. Abschließend werden in Kapitel neun noch einmal einige sinnvolle Tipps und Prinzipien für erfolgreiches Helfen gegeben.

Inhalt

Inhaltlich konzentriert sich Edgar Schein in Prozess und Philosophie des Helfens sehr stark auf die Mechanismen, die in zwischenmenschlichen Beziehungen wirken. Ganz besonders die Statusunterschiede, die entstehen, wenn jemand Hilfe braucht, werden dabei sehr exakt beobachtet. Genau diese sind es nämlich, die dazu führen, dass Hilfe sehr oft nicht angenommen wird. Dabei zeigt Schein eine Menge verschiedener Stolperfallen und Klippen auf, die sowohl Hilfe-Suchende als auch Hilfe-Gebende gemeinsam umschiffen müssen, damit Hilfe erfolgreich ist.

Berater und Vorgesetzte, die sich darüber beschweren, dass Ihre Kunden oder Mitarbeiter nicht das machen, was man ihnen sagt (Wo doch alles „so einfach ist.“), haben genau diese Wirkung von Statusunterschieden nicht verstanden. Nach Schein muss der Helfende daher immer zunächst die Rolle des Prozessberaters annehmen. Nur so kann zwischen Berater und Klient (beziehungsweise Führungskraft und Mitarbeiter) einen Statusausgleich und gegenseitige Akzeptanz hergestellt werden.

Praxisbezug

Der Praxisbezug von Prozess und Philosophie des Helfens ist außerordentlich hoch. Edgar Scheins Analyse von Veränderungsprozessen ist bestechend exakt und präzise. Besonders das neunte Kapitel bietet Beratern und Führungskräften sehr gute Tipps und Hinweise für erfolgreiches Change Management. Die Methode des zurückhaltenden Befragens (Humble Inquiry) kommt jedoch insgesamt zu kurz. Ich persönlich kann mir nur schwer vorstellen, dass ein Leser die Methode wirklich nachvollziehen, geschweige denn anwenden kann, wenn er Scheins gleichnamiges Buch Humble Inquiry zu dieser Methode nicht gelesen hat.

Preis

Mit 38 € ist das Buch extrem teuer, zumal es gerade mal etwas mehr als 160 Seiten hat. Natürlich sollte man Bücher nicht ausschließlich nach ihrem Umfang, sondern vor allem nach ihrem Inhalt beurteilen. Aber insgesamt bleibt hinsichtlich des Preises doch ein recht fader Nachgeschmack, wenn man sieht, dass die englische Originalausgabe Helping bei lediglich 23 € liegt. Das ginge deutlich günstiger!

Fazit

Jeder Berater sollte dieses Buch kennen. Denn es wird ihm die Augen öffnen, warum seine Hilfe so oft nicht angenommen wird und eingeleitete Veränderungsprozesse nicht umgesetzt werden. Seine volle Wirkung kann Scheins Werk jedoch nur entfalten, wenn man auch Humble Inquiry gelesen hat.

Über den Autoren:

Ich glaube an eine Arbeitswelt, in der Menschen darauf brennen, am Montag endlich wieder zur Arbeit gehen zu dürfen. Deshalb inspiriere ich Menschen, Unternehmen und Organisationen, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass sich Motivation und Engagement entfalten können.

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