Mit Nudge haben Richard Thaler und Cass Sunstein vor einigen Jahren eine recht kontroverse Diskussion darüber angestoßen, was erlaubt ist, wenn wir Menschen dabei helfen wollen, für sie selbst kluge Entscheidungen zu treffen. Grund genug für mich, mir das Buch einmal näher anzuschauen, um herauszufinden, ob Nudges auch beim Motivationsdesign hilfreich sein könnten.

Aufmachung und Aufbau

Nudge gliedert sich in insgesamt vier Teile, die zwischen 3 und 6 Kapiteln haben. Teil 1 (Humanes & Econs) legt einige wichtige Grundgedanken über Nudges dar und umfasst 116 Seiten. Im zweiten Teil dreht sich alles um das Thema Geld (52 Seiten), während der dritte Teil das Thema Gesellschaft (Sozialversicherung, Gesundheitssystem, Organspende, Umweltschutz und Privatisierung der Ehe) auf 98 Seiten behandelt. Im vierten Teil gehen Thaler und Sunstein auf Einwände ein und geben auf 38 Seiten einige Beispiele für ihrer Meinung nach gelungene Nudges.

Inhalt

Thaler und Sunstein unterscheiden in ihrem Buch Nudge zunächst zwischen Humans und Econs. Während sich Econs stets rational entscheiden und es ihnen immer gelingt, auch die komplexesten Sachverhalte zu durchschauen, gilt das für Humans nicht. Humans folgen dem, was andere tun (beispielsweise Personen, die ihnen nahe stehen). Sie hören auf ihre Emotionen und Gefühle. Humans greifen bei komplexen Sachverhalten auf Daumenregeln zurück. Der einzige Nachteil: Econs existieren nicht – Humans schon.

Wann immer wir Menschen also vor komplexen Umständen stehen, haben wir die Tendenz zu vereinfachen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir uns falsch entscheiden werden, weil wir solche Entscheidungen noch nie getroffen haben. Hinzu kommt, dass wir kein unmittelbares Feedback zu unserer Entscheidung erhalten. Und das allerschlimmste daran: Wir belassen es meistens bei der ursprünglichen Entscheidung, auch wenn wir später Informationen erhalten, die eigentlich dazu führen müssten, dass wir uns umentscheiden.

Ein gutes Beispiel hierfür sind Altersvorsorge, Geldanlagen, Investmententscheidungen, Kredite und dergleichen mehr. Alles Dinge, die Otto Normalverbraucher eher selten mehr als ein einziges Mal in seinem Leben trifft. Diese Themen sind an Komplexität kaum zu übertreffen und oft werden sie nicht einmal von ausgewiesenen Experten wirklich durchschaut.

Nudge und libertärer Paternalismus

Aus diesen Gründen vertreten Thaler und Sunstein in Nudge den sogenannten libertären Paternalismus. Es ist in ihren Augen nichts Falsches daran, dass man Menschen mit einem kleinem Stupser (a.k.a. Nudge) in die richtige Richtung lenkt und ihnen hilft, für sie selbst gute Entscheidungen zu treffen (Paternalismus). Andererseits muss jeder Mensch weiterhin frei entscheiden können, welcher Option er den Vorzug gibt (libertär). Noch dazu ist es nach Thaler und Sunstein ein Irrglaube, dass wir die Wahl von anderen nicht beeinflussen würden, egal was wir tun. Schon alleine die Reihenfolge von Speisen in einer Cafeteria hat Einfluss darauf, wie unsere Gäste sich entscheiden werden. Sollte man also Süßigkeiten direkt als Erstes präsentieren, wenn man weiß, dass sie dann häufiger gekauften werden? Wenn wir möchten, dass Menschen sich gut ernähren, um lange zu leben, sollten wir das sicherlich nicht tun. Trotzdem lassen wir unseren Gästen die freie Wahl, denn wir bieten weiterhin Süßigkeiten an. Wir machen es ihnen eben nur leichter, sich für gesundes Essen zu entscheiden.

Ein Nudge sollte also leicht und ohne großen Aufwand zu umgehen sein. Nichtsdestotrotz ist Paternalismus (nach Thaler und Sunstein) in Ordnung, wenn er das Leben von Menschen „länger, gesünder und besser“(1) macht. Noch wichtiger werden unsere Maßnahmen als Entscheidungsarchitekt dann, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass Menschen sich (nachweislich) meistens falsch entscheiden, wenn die oben genannten Situationen eintreten.

Nudge und Organspender

Wirklich spannend ist der zweite Teil des Buches, in dem es um gesellschaftliche Themen geht. Hier erörtern die Autoren unter anderem die Möglichkeiten für Nudges im Gesundheitssystem. Dürfen wir Nudges dazu nutzen, um (mehr) Menschen zu Organspendern zu „machen“? Die meisten Menschen befürworten zwar die Organspende, sind aber selbst kein Organspender. Welche Unterschiede in unserer Ja/Nein-Wahl erzeugt eine Zustimmungslösung? Oder sollte man eher eine Widerspruchslösung bevorzugen, wie Jens Spahn sie aktuell favorisiert? Welche Vorteile bietet ein Pflichtentscheid?

Die Lösung (bzw. Sicht von Thaler und Sunstein) werde ich an dieser Stelle nicht mitteilen, sonst hast Du ja keinen Grund mehr das Buch zu lesen und das wäre wirklich schade. Nur so viel: Nach dem Lesen des erwähnten Kapitels habe ich mir direkt einen Organspenderausweis ausgedruckt. So war dieses Buch der notwendiger Stupser, den ich dazu noch brauchte. (Falls Du übrigens auch Organspender werden möchtest, kannst Du das über diesen Link tun.)

Was mir an Nudge nicht so gut gefallen hat, war der ansonsten eher starke Fokus auf Geldthemen und Anreizsysteme. (Bei einem Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften ist das allerdings auch nicht weiter verwunderlich.) Mit Themengebieten der Selbstbestimmungstheorie (Autonomie, Flow & Gemeinschaft) haben Nudges jedoch eher weniger gemein. Bestenfalls können sie ein ergänzendes Mittel sein, um „Dinge ins Rollen“ zu bringen.

Praxisbezug

Der Praxisbezug des Buches ist insgesamt eher mäßig, sondern gibt größtenteils lediglich einen (zugegebenermaßen sehr tiefen) Einblick in die Grundidee des Nudge-Modells. Wer sich deutlich pragmatischer über das Thema informieren möchte, dem empfehle ich übrigens die Aufsatzsammlung Nudge Theory in Action oder besser gleich die sehr lesenswerte, dreiteilige Serie über Nudge (und Gamification) von Roman Rackwitz.

Preis

Preislich geht das Taschenbuch mit 11 €  vollkommen in Ordnung.

Fazit

Du solltest dieses Buch lesen, wenn Du Dein Wissen über Nudges auf eine gute theoretische Basis stellen willst und in erster Linie die Grundprinzipien verstehen möchtest. Falls Du ein eher pragmatisches Interesse an dem Thema hast, solltest Du Dich anderweitig umschauen.

Anmerkungen   [ + ]

1.Thaler|Sunstein: Nudge. Seite 15)