Immer dort, wo wir gefordert sind, das Bestmögliche aus einem Team herauszuholen, ist es wichtig, dass eine Basis möglichst offener Kommunikation existiert. Nichts ist für eine Führungskraft schlimmer, als wichtige Informationen für bestimmte Entscheidungen nicht zu haben.

Oft hat eine Führungskraft diese Informationen aber nicht, da sie von Mitarbeitern aus den verschiedensten Gründen zurückgehalten werden. Angst davor, einen Fehler zuzugeben, ist dabei nur einer von vielen. Auch die Angst davor, die Führungskraft auf einen Fehler, den sie gerade macht, hinzuweisen, kann dabei ebenso eine Möglichkeit sein wie viele andere mehr. Status, Rang und viele andere gesellschaftliche Faktoren führen dazu, dass eine Führungskraft häufig im Blindflug unterwegs ist. Zugleich verneinen die meisten Führungskräfte, abhängig zu sein von ihren Mitarbeitern, dabei ist gerade das der Kern der Wahrheit.

Aufmachung

In der Aufmachung ist Humble Inquiry relativ schlicht gehalten. Der fast serifenlose Schriftsatz ist sehr gut lesbar. Grafiken oder Schaubilder gibt es zwar keine, aber diese sind aufgrund der sehr guten Struktur des Buches auch nicht notwendig. Hilfreich wären sie an der einen oder anderen Stelle jedoch gewesen. Jedes der Kapitel endet mit einem grau unterlegten Infokasten „Question to the Reader“, in dem Edgar Schein den Leser auffordert, das zuvor im Kapitel Gelernte anhand kleinerer Aufgaben auf eigene Erlebnisse aus der Praxis anzuwenden.

Inhalt

Das Buch behandelt die Kunst des Fragens im Alltag und wirft einen detaillierten Blick auf die Fragetechnik Humble Inquiry, was im Deutschen meist mit zurückhaltende Befragung übersetzt wird. (Obgleich es die wahre Bedeutung von Edgar Scheins Methode nicht sonderlich gut trifft.) Schein gelingt es überzeugend darzulegen, dass Führungskräfte viel mehr aus ihrem Team herausholen können, wenn sie die Basis für eine bestmögliche Kommunikation etablieren. Eine Kommunikation, die es ermöglicht, dass Mitarbeiter ohne zu zögern auch ihre Vorgesetzten auf Fehler aufmerksam machen oder sich nicht scheuen, selbst gemachte Fehler direkt weiterzugeben. Gelingen kann dies jedoch nur durch zurückhaltende Befragung (Humble Inquiry) und nicht durch Anordnen (Telling).

Am interessantesten sind die ersten drei Kapitel des Buches, in denen Schein vor allem die Vorteile des Fragens im Gegensatz zum Anordnen darlegt und die Art der zurückhaltenden Befragung von anderen Fragearten unterscheidet: diagnostischen Fragen, konfrontativen Fragen und prozessorientierten Fragen. Wobei hier schon gesagt sei, dass auch die drei zuletzt genannten Fragen Spielformen der zurückhaltenden Befragung sein können, sofern diese aus dem richtigen Anlass, der richtigen Motivation und in einem geeigneten Kontext gefragt werden. Zurückhaltende Befragung findet nach Schein immer dann statt, wenn ich aus aufrichtigem Interesse und echter Neugierde heraus frage.

Wenn Du Dich eingehender zum Thema der zurückhaltenden Befragung informieren möchtest, empfehle ich Dir meinen Artikel Humble Inquiry – So öffnen sich Menschen. Dort findest Du unter anderem ein etwa 10-minütiges Lernvideo, das Edgar Scheins Ansatz näher erläutert.

Praxisbezug

Die größte Hürde in der Umsetzung wird es sein, sich von der allgegewärtigen Präsenz des „Anordnens“ zu verabschieden und als Fürungskraft zu akzeptieren, dass man in den meisten Situationen abhängig von seinen Mitarbeitern ist (und nicht umgekehrt). Während das Grundkonzept relativ einfach zu verstehen ist, wird die Umsetzung hingegen deutlich schwieriger werden, da unsere westliche Kultur eine Kultur des Anordnens ist. Anordnen, befehlen etc. – das wird von einer Führungskraft geradezu erwartet, obgleich es genau das ist, was dazu führt, schlechtere Ergebnisse zu erzielen und Kommunikation zu verschlechtern.

Besonders dramatisch ist unsere Kultur des Anordnens jedoch für den Informationsfluss und eine gute Fehlerkultur in Teams und letztlich somit auch in Unternehmen. Das zeigt unter anderem die Google-Studie aus dem Jahr 2015, in der psychologische Sicherheit als wichtigster Faktor für erfolgreiche Teams erkannt wurde. Letztlich zielt Edgar Scheins Technik der zurückhaltenden Befragung genau darauf ab: psychologische Sicherheit für jedes Mitglied eines Teams zu erzeugen.

Preis

Mit ungefähr 15 Euro ist Humble Inquiry ein sehr preiswertes Buch, was natürlich auch dem Umstand geschuldet ist, dass es sich um ein englischsprachiges Werk handelt und somit nicht der Buchpreisbindung unterliegt.

Fazit

Eines der lesenswertesten Bücher der letzen Monate. Wer Führungskräfte effektiv coachen möchte, sollte es unbedingt gelesen haben! Wenn Du Dich darüber hinaus mit der Wirkung des sozialen Kontextes auseinander setzen möchtest, um Edgar Scheins Methode zu vertiefen, empfehle ich Dir außerdem das Buch Prozess und Philosophie des Helfens.