Im Allgemeinen verstehen wir unter Intelligenz eine grundlegende, spezielle Fähigkeit des Menschen, die ihm in allen Kontexten hilft, die richtigen Überlegungen anzustellen, um ein Problem zu lösen. Dass diese Ansicht äußerst fragwürdig ist und es (höchstwahrscheinlich) eine Vielzahl verschiedener Intelligenzen gibt, erläutert Howard Gardner in seinem Buch Frames of Mind.

So haben Intelligenztests, die auf einem Papier-Fragebogen basieren, zwar eine relativ gute Vorhersagekraft darüber, wie gut wir uns in der Schule schlagen (werden), sind darüber hinaus jedoch deutlich weniger aussagekräftig. Der Grund liegt vor allem darin, dass in IQ-Tests eben ausschließlich jene Tätigkeiten und Fähigkeiten überprüft werden, die auch in der Schule von hoher Wichtigkeit sind.

Aufmachung und Aufbau

Frames of Mind ist im Aufbau insgesamt gut gelungen. Howard Gardner führt den Leser sehr durchdacht zu (s)einer neuen Sichtweise auf die intellektuellen Kompetenzen des Menschen. Das Buch gliedert sich in insgesamt drei Teile: Während der erste Teil eine neue Antwort auf die Frage „Was ist eine Intelligenz?“ gibt, werden im zweiten Teil die sieben Intelligenzen nach den von Gardner definierten Bedingungen näher beleuchtet. Im dritten Teil von Frames of Mind diskutiert Gardner Anwendungsmöglichkeiten seiner Theorie in Schule und Erziehung.

Gardner erläutert seine Theorie der Multiplen Intelligenzen alles in allem sehr weitschweifig, was den Umfang des Buches auf ein Machwerk von über 520 Seiten aufbläht – inklusive aller drei Vorworte aus den jeweiligen Ausgaben des Buches. Beim Lesen wird einem schnell klar: Gardner ist ein echter Vielschreiber, der manchmal droht, sich in seiner eigenen Gedankenwelt zu verlieren.

Inhalt

Inhaltlich wirft Gardner mit seiner Theorie ein interessantes Licht auf die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen und eröffnet so eine neue Perspektive auf die vielfältigen Leistungen unseres Gehirns. Für ihn ist Intelligenz jede Fähigkeit des Menschen, die bestimmten Kriterien entspricht, welche er im ersten Teil des Buches definiert. So muss es, um von einer Intelligenz sprechen zu können, beispielsweise einen (relativ) bestimmten Bereich im Gehirn geben, der für diese Intelligenz „zuständig“ ist und es müssen Inselbegabte (idiot savants) und Ausnahmetalente (prodigies) existieren, bei denen die jeweilige Intelligenz ganz besonders ausgeprägt ist. Weiter müssen bestimmte Kernfähigkeiten der Intelligenz existieren, die einen mehrstufigen Entwicklungsverlauf haben und in Experimenten überprüfbar sind. Ein letztes Kriterium ist das Vorhandensein eines Symbolsystems, das sich in der jeweiligen Kultur entwickelt hat, um über die Intelligenz kommunizieren zu können.

Mit Hilfe dieser Kriterien durchleuchtet Gardner daraufhin im zweiten Teil von Frames of Mind die Fähigkeiten des menschlichen Gehirns und folgert die Existenz von insgesamt sieben verschiedenen Intelligenzen(1), die jede für sich genommen eine isolierbare Kompetenz ist, die unabhängig von den anderen Intelligenzen ist. In einer Vielzahl von Beispielen (insbesondere durch Ausnahmetalente, Inselbegabte und sogenannte Split-Brain-Patienten) belegt er eindrucksvoll, dass besonders herausragende Fähigkeiten innerhalb einer speziellen Intelligenz nicht zwangsläufig mit einer Verbesserung in anderen Bereichen einhergehen muss. Umgekehrt führt der Verlust einer besonderen Fähigkeit nicht immer dazu, dass wir andere intellektuelle Fähigkeiten ebenfalls zu verlieren.

Mit seinen Ausführungen rüttelt Gardner nachhaltig an unserem gewöhnlichen Verständnis von einer einzigen, „grundlegenden“ Intelligenz, die maßgeblich für alle anderen intellektuellen Fähigkeiten des Menschen ist.

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Nach Gardners Verständnis existieren insgesamt (mindestens) sieben Intelligenzen: sprachliche Intelligenz, musikalische Intelligenz, logisch-mathematische Intelligenz, räumliche Intelligenz, körperlich-kinästhetische Intelligenz und personale Intelligenz. Letztere ist unterscheidbar in intrapersonale und interpersonale Intelligenz. Für all diese intellektuellen Fähigkeiten gelingt es Gardner, Beispiele und Befunde aufzufinden, die unser bisheriges Verständnis von Intelligenz verändern.

Praxisbezug

Auf den ersten Blick scheint die Theorie der Multiplen Intelligenzen, die Howard Gardner in Frames of Mind entwirft, besonders für Schulen und Universitäten interessant zu sein. Mit ihrer Hilfe lässt sich gut erkennen, dass sich diese Institutionen stark auf die logisch-mathematische und sprachliche Intelligenzen fokussieren und andere intellektuelle Fähigkeiten des Menschen vernachlässigen, wenn nicht gar gering schätzen oder vollkommen ignorieren. Dabei muss es gerade in Schulen darum gehen, Schülern zu helfen, ihre individuellen Intelligenzen bestmöglich zu entwickeln und zu entfalten.

In Unternehmen scheint die Theorie der Multiplen Intelligenzen auf den ersten Blick eher weniger hilfreich. Aber sie kann helfen, beispielsweise für das Verfassen von Stellenausschreibungen auf wichtige Aspekte aufmerksam zu machen, die ohne diese Theorie wahrscheinlich nicht oder nur unzureichend berücksichtigt würden. Auch im Bereich der Erwachsenenbildung kann Gardners Modell helfen, ein besseres Verständnis darüber zu gewinnen, wie das eigene, individuelle Intelligenz-Profil beschaffen ist, um neue Tätigkeitsfelder zu finden, die andernfalls unentdeckt geblieben wären.

Speziell im Bereich Führungskräfte-Entwicklung ist es Daniel Goleman mit seinem Modell der emotionalen Intelligenz gelungen, darauf aufmerksam zu machen, dass fachliches Wissen und Können allein nicht ausreichen, um Mitarbeiter gut zu führen. Golemans Theorie der resonanten Führung kann daher durchaus als Weiterentwicklung der personalen Intelligenz nach Howard Gardner gelten.

Preis

Mit weniger als 20 Euro geht der Preis für dieses Buch vollkommen in Ordnung. (Vor allem dann, wenn man die Preise für deutschsprachige Fachliteratur als Vergleich heranzieht…)

Fazit

Wenngleich Gardners Theorie ein bisher noch nicht ausreichend wissenschaftlich bewiesenes Modell ist und noch viel Arbeit und Forschung notwendig sein wird, seine Ideen zu belegen, bietet er mit seinen Überlegungen dennoch eine überraschend neue Perspektive auf unser bisheriges Verständnis von dem, was wir im Allgemeinen unter Intelligenz verstehen. Zumindest ist anzuerkennen, dass eine „allgemeine Intelligenz“ äußerst fragwürdig ist.

Anmerkungen   [ + ]

1.Neuerdings spricht Gardner von insgesamt acht Intelligenzen, da er die Existenz einer naturalistischen Intelligenz in Erwägung zieht.