Überall wird derzeit heiß diskutiert: Plötzlich wollen alle Menschen „Purpose“ erleben können, ganz besonders auf der Arbeit. Arbeit müsse Sinn stiften und mehr sein als reines Geldverdienen. Das mag ich gerne unterschreiben. Aber zeitgleich habe ich das Gefühl, dazu noch etwas ergänzen zu müssen. Um motiviert zu sein, brauchen wir keinen höheren Zweck. Manchmal kann er sogar hinderlich sein.

Wie immer hilft mir ein Blick auf die Mechanismen nach denen Spiele funktionieren. Denn nichts auf der Welt ist so motivierend wie Spiele. Sie realisieren die drei wichtigsten Säulen, um Motivation entstehen zu lassen: Autonomie, Flow & Gemeinschaft. Und das in Reinform. Und wenn Du jetzt an ein beliebiges Spiel Deiner Wahl denkst, wird Dir direkt auffallen: Spiele haben kein Zweck. Spiele haben auch keinen Purpose oder sonstige magische Zutat. Wenn wir spielen, tun wir das nicht, um irgendetwas damit zu erreichen. Wir spielen einfach, um zu spielen.

Wenn es also richtig wäre, dass wir so etwas wie Purpose benötigen, um motiviert und produktiv zu sein, dann dürften Spiele gar nicht funktionieren. Weder ein World-of-Warcraft-Spieler, noch ein Formel-1-Rennfahrer oder ein Fußball-Bundesliga-Spieler dürfte motiviert sein. Denn alle diese Tätigkeiten sind ohne jeglichen Wert oder Purpose. Egal, ob ich einen Nachtelfen-Druiden auf Level 32 gebracht habe, 65 Runden im Kreis gefahren bin und als Erster ankam oder ob ich nach einer bestimmten Anzahl Fußballspiele die meisten Punkte durch Siege gesammelt habe. Nichts davon ist in irgendeiner Form wichtig, hat besondere Konsequenzen oder verändert die Welt. Nichtsdestotrotz sind alle drei genannten Spieler (meistens) hochmotiviert. Wie kann das also sein?

Der Unterschied zwischen Wert und Bedeutung

Um das zu verstehen, hilft es uns, eine gedankliche Trennung zu machen. Denn nur, weil wir feststellen, dass etwas keinen Wert (Purpose) hat, bedeutet das nicht gleichzeitig, dass es keine Bedeutung hat. Word of Warcraft zu spielen, die Formel 1 zu gewinnen oder Fußballweltmeister zu werden, mag zwar wert-los sein und keinen Purpose haben, aber trotz allem hat es Bedeutung. Nur liegt diese Bedeutung innerhalb des Spiels, das wir spielen. Will heißen: Wenn ich mich dazu entschließe, Fußballer zu werden, dann hat es (innerhalb dieses Systems) eine ganz außerordentliche Bedeutung, wenn ich es schaffe, Weltmeister zu werden. Aber sobald ich mit Fußball nichts anfangen kann, hat es das eben nicht mehr.

Das liegt daran, dass World-of-Warcraft-Spielen, die Formel 1 und auch Fußball autotelische Tätigkeiten sind. Sie haben ihr Ziel in sich selbst und sind intrinsisch motiviert. Spiele können also schon rein von der Definition her gar keinem äußeren Zweck dienen, da der Zweck ja im Spiel selbst liegt. (Im Gegenteil: Der Motivationsforscher Edward Deci hat herausgefunden, dass es sogar schädlich sein kann, wenn für wir das, was wir eigentlich gerne tun, zusätzlich belohnt werden.)

Brauchen wir also keinen Purpose?

Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass wir mit unserer Arbeit das Ziel verfolgen, einen Wert zu realisieren, eine Vision zu verfolgen und/oder die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen und „purposful“ zu arbeiten. Das ist sogar extrem begrüßenswert. Und wenn es uns dann noch gelingt, diese Werte und unsere Vision zu verwirklichen, indem wir etwas tun, ist das sicherlich erfüllte und wünschenswerte Arbeit, ganz im Sinne von New Work. Denn wenn wir es so tun, verschmelzen Ziel und Handlung gewissermaßen miteinander. Wenn ich etwas Wertvolles verwirklichen möchte, indem ich etwas so tue, wie ich es tue, dann gibt es kein Innen und Außen mehr.

Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass der vielzitierte Purpose kein notwendiger Bestandteil ist, damit Motivation entstehen kann. Was wir benötigen, ist lediglich Bedeutung innerhalb des (Spiel-)Systems, in dem wir uns gerade befinden.