Der Begriff Lernen hat eine sehr schillernde Bedeutung und wird in vielen verschiedenen Kontexten ganz unterschiedlich genutzt. Ein Aspekt des Lernens scheint mir jedoch in den letzten Jahren sehr einseitig genutzt zu werden. Denn immer dann, wenn die Rede davon ist, dass wir „etwas gelernt“ haben und wir damit gerade dieses etwas hervorheben möchten, wird in aller Regel lediglich gemeint, dass ein Lerner neues Wissen zu seinem bisherigen Wissen hinzugefügt hat. Diese Sichtweise ist jedoch nur eine Seite der Medaille und eine auf Jean Piaget zurückgehende Unterscheidung hilft, Lernprozesse besser verstehen zu können.

Lernen durch Assimilation (Angleichung)

Stell Dir das Wissen eines Menschen als eine in seinem Kopf vorhandene Denkstruktur vor. Diese Struktur wurde (in vorhergehenden Lernprozessen) durch das Zusammensetzen vieler verschiedener Puzzleteile erzeugt. Lernen durch Assimilation ist nun das Hinzufügen eines neuen Puzzleteils in diese bereits vorhandene Struktur. Assimilation bezeichnet also genau die Lernform, die ich eingangs schilderte. Assimilation erweitert – wenn man so will – das Wissen und Denken, aber es verändert die vorhandenen Denkstrukturen nicht.

Diese Art des Lernens praktizieren wir im Alltag, in der Schule oder in Ausbildung und Studium. Sie ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass der Prozess des Lernens sehr ruhig und stabil verläuft und als fortschreitende Entwicklung des Lerners vorstellbar ist. (Die Denkstrukturen des Lerners werden ja durch das hinzufügende Lernen immer umfangreicher.) Aber die Strukturen selbst verändern sich nicht. Gleichzeitig erfordert assimilierendes Lernen relativ wenig Motivation. Je passgenauer ein neues Puzzleteil ist, desto leichter können wir es unseren bisherigen Denkstrukturen und Glaubenssätzen hinzufügen. Ein Nachteil ist jedoch, dass durch Assimilation angeeignetes Wissen sehr kontextbezogen ist. Es kann später kaum auf andere Bereiche übertragen werden. Zumindest dann nicht, wenn die Ähnlichkeit zwischen der Lern- und der Anwendungssituation nicht außerordentlich groß ist.

Grundsätzlich ist es vorstellbar, dass Lernen ausschließlich durch Assimilation erfolgt. Doch diese Vorstellung erzeugt schnell einen in sich geschlossenen Wissenskosmos. Lehrpläne an Schulen und Universitäten spiegeln diese Vorstellung vom Lernen wider. Aber auch sogenannte Karrierepfade in Unternehmen fußen auf dieser Sichtweise. Man geht davon aus, dass sich bestimmte Abfolgen, Stufen und Reihenfolgen festlegen lassen, die man durchlaufen muss, um immer weiter in seinem Lernprozess voranzuschreiten. Und jeder neue Wissensbaustein baut auf einem vorangehenden Baustein auf. Habe ich einen vorhergehenden Baustein nicht richtig erfasst, muss ich erst diesen wiederholen und richtig begriffen haben, bevor ein neuer hinzukommen kann. Assimilierendes Lernen erzeugt sehr häufig sogenanntes explizites Wissen, also Wissen, dass wir auch sprachlich weitergeben können.

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Lernen durch Akkommodation (Anpassung)

Es gibt jedoch auch Situationen im Leben, in denen wir mit unserem bisherigen Wissen und unseren Denkstrukturen nicht weiterkommen. Das neue Wissen oder ein bestimmtes Problem lässt sich damit nicht erklären oder lösen. Um nun die notwendigen Zusammenhänge herstellen zu können, sind wir gezwungen, unsere bisherigen Denkschemata aufzubrechen und in gewissen Maße zu reorganisieren. Erst dann kann es gelingen, das „neue Puzzleteil“ zu integrieren.

Da wir unsere vorhandenen Denkstrukturen im Regelfall nicht so ohne Weiteres aufgeben möchten(1), muss der Lerninhalt uns ganz besonders wertvoll erscheinen. Und dadurch eine hohe Motivation erzeugen, sich dieses Wissen anzueignen; beziehungsweise die eigenen Denkstrukturen mit dem neuen Wissen kompatibel zu machen. Viel häufiger kommt es daher dazu, dass wir das „neue Puzzleteil“ verwerfen („Das ist ja vollkommener Quatsch!“) oder es umformen und anpassen, um es doch „irgendwie“ in unsere vorhandenen Denkstrukturen zu integrieren. In diesem Fall vollziehen wir also eine Art „verzerrter Assimilation“.

Wenn wir jedoch unsere Vorbehalte überwinden und die Motivation ausreichend groß ist, dann werden wir durch Akkommodation mit neuen Denkstrukturen belohnt. Die neuen Strukturen sind deutlich nützlicher und viel eher auf verschiedene Kontexte anwendbar. Denn dadurch, dass wir uns Gedanken über den Zusammenhang unserer Denkstrukturen gemacht haben, sind wir in der Lage, unser Wissen auch viel eher auf verschiedene Problemsituationen anzuwenden. Akkommodation erfordert daher meist viel Selbstreflexion. Im Gegenzug erzeugt es größere Flexibilität im Denken.

Wissen ist konstruiert

Nimmt man diese beiden Formen des Lernens als Grundlage, so kommt man nicht umhin, Wissen als individuelles Konstrukt zu betrachten. Denn von außen (etwa durch einen Trainer, Coach oder Lehrer) kann kaum sinnvoll beeinflusst werden, welcher dieser beiden Prozesse beim Lerner stattfindet. Die nach einer Akkommodation erzeugte Denkstruktur ist außerdem immer vollkommen individuell. (Wie sollte man auch exakt steuern, wie die neue Denkstruktur eines Lerners nach einem Lernprozess aussieht?) Das bedeutet ebenfalls, dass selbst jene Lerninhalte, die dann später wieder durch Assimilation angeeignet werden, auf eben diese (durch Akkommodation erzeugten!) individuellen Strukturen treffen. So erzeugt das Wechselspiel von Assimilation und Akkommodation bei jedem Lerner unterschiedliche Weltbilder und Denkstrukturen. Jeder Mensch hat somit sein eigenes Modell der Welt.(2)

Schlussendlich lässt sich also festhalten, dass Lernen etwas anderes ist als das „Überspielen von Dateien“ von einer Computerfestplatte auf eine andere. Es ist es schlichtweg unmöglich, Wissen 1:1 weiterzugeben, denn Lernen erfolgt wie hier dargelegt nicht nur über assimilierende Prozesse, sondern eben auch über akkommodierende Prozesse. Jeder Lerner muss neues Wissen aktiv in seine eigenen Denkstrukturen einbinden. Und diese Denkstrukturen gegebenenfalls umbauen.

Anmerkungen   [ + ]

1.In der Vergangenheit haben sie sich ja als sehr nützlich erwiesen!
2.Hier liegen NLP-Anhänger ausnahmsweise einmal richtig.