Komplexe Umgebungen verstehen – mit Kingdom Builder

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Komplexe Umgebungen verstehen – mit Kingdom Builder

Agiles Projektmanagement wird selbst heutzutage noch häufig als Zufallsprodukt verstanden. Viele glauben, es sei nicht mehr als ein chaotisches Durcheinander oder planloses Reagieren auf aktuelle Umstände. Mit langfristiger Planung werde man immer noch die besseren Ergebnisse erzielen.

Der Grund für dieses Missverständnis liegt meines Erachtens zum einen darin begründet, dass man komplexe Umgebungen mit komplizierten Umgebungen verwechselt. Zum anderen liegt er auch darin, dass man meint, agiles Projektmanagement – beispielsweise mit Scrum – würde bedeuten, dass man überhaupt nicht plant. Das Gegenteil ist der Fall. Wie so oft, können Spiele als Analogie für eine Erklärung dienen.

Kingdom Builder als Beispiel für komplexe Umgebungen

Vielleicht hast Du bereits einmal das Spiel Kingdom Builder gespielt. Beim diesem Strategiespiel gibt es in jeder Partie insgesamt drei verschiedene Spielziele, die durch zufällig ausgewählte Auftragskarten vorgegeben werden. Pro Runde darf jede Spielerin drei eigene Siedlungen auf den Hexfeldern des Spielfeldes platzieren. Interessanterweise kann dabei jede einzelnen Siedlung mehrere Spielziele erfüllen! Stell Dir vor, die Spielziele auf den Auftragskarten lauten wie folgt:

  1. Baue Siedlungen am Wasser. (1 Gold für jede Siedlung, die an ein Wasserfeld grenzt.)
  2. Baue Siedlungen am Berg. (1 Gold für jede Siedlung, die an ein Bergfeld grenzt.)
  3. Baue viele Siedlungen in einer horizontalen Linie. (2 Gold für jede eigene Siedlung auf einer horizontalen Linie.)

Wenn es einer Spielerin nun gelingt, in zwei aufeinanderfolgenden Runden ihre drei Siedlungen in einer horizontalen Linie zu platzieren, und jede Siedlung sowohl an ein Wasserfeld als auch an ein Bergfeld grenzt, erhält sie insgesamt 24 Gold für diese sechs Siedlungen. 6 Gold, weil jede ihrer sechs Siedlungen an ein Wasserfeld grenzt. Noch einmal 6 Gold, weil jede dieser Siedlungen außerdem auch an ein Bergfeld grenzt. Und noch einmal 12 Gold, weil sie ihre sechs Siedlungen alle in einer horizontalen Linie gebaut hat.

Wie bei den meisten anderen Spielen ist es natürlich nicht so leicht, mit zwei Zügen so viele Punkte zu erzielen, denn die anderen Spielerinnen versuchen natürlich genau das Gleiche wie wir selbst. Gute Bauplätze sind also heiß begehrt. Es kann daher gut sein, dass solche Stellen auf dem Spielplan bereits belegt sind, wenn wir wieder an der Reihe sind. Gleichzeitig können wir uns nicht immer aussuchen, wo wir genau bauen, weil eine vom Nachziehstapel aufgedeckte Karte vorgibt, auf welcher Geländeart wir überhaupt bauen dürfen. (Es gibt Wiese, Wald, Canyon, Wüste und Blumen.) Wollen wir also unsere drei Siedlungen auf Wiesenfelder setzen, müssen wir auch eine Karte aufdecken, die Wiese abbildet. Ziehen wir eine Blumen- oder Waldkarte, müssen wir woanders bauen; nämlich auf Blumen- beziehungsweise Waldfeldern.

Es gibt bei Kingdom Builder nur eine einzige, wirklich zuverlässige Strategie, die zum Sieg führt:

Platziere Deine drei Siedlungen so, dass Du unter den momentanen Gegebenheiten die meisten Punkte erzielst.

Kingdom Builder und viele andere Spiele erzeugen komplexe Umgebungen und eben keine komplizierten. Eine langfristige, großangelegte Strategie für den Bau des eigenen Königreiches ergibt schlichtweg keinen Sinn, denn die Spielregeln erzeugen zu viele Variablen.

  • Zu Beginn des Spiels wissen wir am allerwenigsten darüber, wie die Spielfläche am Ende aussehen wird. Wie sollen wir daher schon in der ersten Runde einen langfristigen Plan entwerfen, der erfolgsversprechend ist?

  • Wenn wir an der Reihe sind, wissen wir nicht, welche Geländekarte wir aufdecken werden und wo wir überhaupt bauen dürfen.

  • Wir wissen außerdem nicht, ob die Felder, auf denen wir gerne bauen würden, nicht vielleicht schon durch unsere Mitspieler besetzt und uns somit verwehrt sind, wenn wir wieder am Zug sind. Selbst dann, wenn wir die passende Geländekarte aufgedeckt sollten.

  • Außerdem erzeugen unsere eigenen Aktionen wieder Reaktionen unserer Mitspieler, die wir noch nicht kennen können.

Keine Spielerin kann zu Beginn einer Partie Kingdom Builder einen exakten, langfristigen und sicheren Plan entwerfen, der festlegt, wo sie ihre insgesamt 40 Siedlungen platzieren wird. Unter den gegebenen Umständen ist es schlichtweg nicht sinnvoll, so vorzugehen. Stattdessen wird sie gleich zu Beginn des Spiels Ausschau nach vielen verschiedenen Bauplätzen für ihre Siedlungen halten. Dann wird sie, sobald sie an die Reihe kommt, schauen, was die anderen Spielerinnen getan haben, und den Bau ihrer eigenen drei Siedlungen dementsprechend anpassen und zugleich versuchen, mit diesen drei Siedlungen möglichst viele Siegbedingungen zu erfüllen. Außerdem wird sie versuchen, ihre Optionen für die nächste Runde möglichst offen zu halten oder nach Möglichkeit sogar noch zu erweitern, damit sie mehr Handlungsspielraum erzeugen kann. Und in jeder Runde wird sich genau dieses Vorgehen wiederholen.

Um Kingdom Builder gewinnen zu können, ist es vollkommen irrelevant, wo die eigenen Steine letztlich platziert wurden und wie das Königreich genau aussieht. Wichtig ist, dass jeder Stein das Maximum an Siegpunkten erzeugt.

Komplizierte und komplexe Umgebungen

Spiele wie Kingdom Builder veranschaulichen sehr gut den Unterschied zwischen komplizierten und komplexen Umgebungen. Komplizierte Umgebungen sind schwer zu durchschauen, umfangreich und schwer zugänglich. Nichts desto trotz können wir mit der Hilfe von Experten, ausreichend Zeit (und Geld) und exakter Beobachtung herausfinden, welches die Dinge sind, auf die wir achten müssen. Komplizierte Umgebungen sind trotz ihrer Kompliziertheit größtenteils vorhersagbar. Deshalb ist es dort sinnvoll, viel Zeit auf die Analyse zu verwenden und einen langfristigen Plan zu entwerfen, denn das bewahrt uns vor Fehlern.

Komplexe Umgebungen sind hingegen nicht auf die gleiche Art und Weise vorhersagbar. Sie enthalten zu viele Variablen und Unwägbarkeiten, die wir vorab nicht wissen können. Häufig stehen sie noch gar nicht fest, wenn wir die Umstände analysieren. Es können also leicht Ereignisse eintreten, die aktuell noch gar nicht absehbar sind. Unser eigenes Handeln beeinflusst die Umgebung ebenfalls. Ein ausführlicher Plan kann noch so wasserdicht wirken: Schon im nächsten Augenblick sind die Voraussetzungen vollkommen anders. In komplexen Umgebungen ist es deshalb gar nicht sinnvoll, vor Beginn der Arbeit bereits eine umfassende Analyse zu betreiben oder eine langfristige Strategie zu entwerfen, an der man dann bedingungslos festhält. Vielmehr ist es sollten wir Entscheidungen so spät wie möglich treffen – so paradox dies vielleicht auf den ersten Blick klingen mag.

In komplexen Umgebungen finden wir durch alles, was wir tun, mehr über die Umgebung, in der wir uns befinden, heraus. Es ist also deutlich vielversprechender, die Entscheidung über das weitere Vorgehen erst dann zu treffen, wenn wir mehr herausgefunden haben. Zeitgleich sollten wir außerdem häufig nachprüfen, ob unsere Annahmen noch korrekt sind, und einen notwendigen Kurswechsel so schnell wie möglich vollziehen, statt an unserem ursprünglichen Plan festzuhalten.

Viele Unternehmen behandeln komplexe Umgebungen allerdings so, als wären sie kompliziert. Mit viel Aufwand versuchen sie, alle Gegebenheiten und Voraussetzungen zu analysieren, um jede noch so kleine Unsicherheit zu beseitigen. Dabei bemerken sie nicht, dass sie aktuell noch gar wissen können, wie die Bedingungen und Voraussetzungen in ein paar Wochen oder Monaten aussehen werden. Oder um in der Spiele-Analogie zu bleiben: Diese Unternehmen spielen Kingdom Builder und verwenden eine langfristige Strategie. Wenn diese Unternehmen gegen Spieler antreten, die agil planen, werden sie in der Regel verlieren.

Agile Planung und komplexe Umgebungen

Der Ansatz, den agiles Projektmanagement verfolgt, ist hingegen ein anderer. Das Rahmenwerk von Scrum definiert Arbeitszyklen von maximal einem Monat Dauer (sogenannte Sprints). Nach jedem dieser Sprints wird dessen Endprodukt bewertet: Haben wir einen Wert (für den Kunden) geschaffen? Was sind die nächsten Schritte, die wir unternehmen können, um im nächsten Sprint möglichst viel Wert (für den Kunden) zu schaffen? Was sind die aktuellen Voraussetzungen für unseren nächsten Sprint? Macht es Sinn, unser Ziel weiterhin zu verfolgen oder müssen wir unsere aktuelle Strategie ändern?

Um zu gewährleisten, dass in jedem Sprint immer ein möglichst hoher Wert geschaffen wird, nutzt Scrum ein sogenanntes Product Backlog. In diesem Backlog stehen alle Ideen, Features und Funktionen eines Produktes. Das Besondere daran ist aber: Das (aktuell) wertvollste Feature steht immer oben auf der Liste und im nächsten Sprint wird genau dieses (und nur dieses) Feature umgesetzt. Features und Ideen, die nicht (mehr) sinnvoll sind, werden von dieser Liste komplett gestrichen oder weiter nach unten verschoben. Agile Planung bedeutet also nicht, dass wir gar nicht planen, sondern dass sie in der Lage sind, unsere Planung für den nächsten Sprint immer den aktuellen Begebenheiten anzupassen.

Ein Sprint in Scrum ist einer Spielrunde in Kingdom Builder somit ziemlich ähnlich. Auch hier versuchen wir in jeder Runde durch das Setzen unserer drei Siedlungen das Maximum an Siegpunkten zu erzielen und ziehen dafür alle aktuellen Gegebenheiten in Betracht. Wenn sich die Gegebenheiten verändern, ändern wir auch unser Vorgehen. Wir bauen niemals dort eine Siedlung, wo es keinen Sinn mehr ergibt, sondern setzen unsere Spielsteine immer nur dorthin, wo wir aktuell die meisten Punkte mit ihnen erzielen können.

Welches Unternehmen kann das schon von sich behaupten?

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Von |2018-07-03T11:19:01+00:009. April 2018|Kategorien: Organisationsentwicklung, Scrum|Tags: , |0 Kommentare

Über den Autoren:

Ich glaube an eine Arbeitswelt, in der Menschen darauf brennen, am Montag endlich wieder zur Arbeit gehen zu dürfen. Deshalb inspiriere ich Menschen, Unternehmen und Organisationen, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass sich Motivation und Engagement entfalten können.

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