In komplexen Umgebungen, die sich beständig verändern, setzt das agile Rahmenwerk Scrum auf interdisziplinäre Teams.(1) In einem meiner letzten Artikel habe ich bereits darüber geschrieben, dass agile Teams möglichst klein sein sollen. Heute geht es um die Frage, warum sie möglichst langlebig sein sollten.

Einen der Gründe, warum Scrum interdisziplinäre Teams fordert, finden wir im Scrum Guide selbst:

Interdisziplinäre Teams verfügen über alle Kompetenzen, die erforderlich sind, um die Arbeit zu erledigen, ohne dabei von Personen außerhalb des Teams abhängig zu sein. (dt. Scrum Guide, Seite 6)

Wenn wir also von agilen Teams erwarten, dass sie selbstorganisiert arbeiten, dann ist es wenig sinnvoll, wenn bestimmte Kompetenzen im Team fehlen. Aber es gibt noch einen weiteren, meiner Ansicht nach viel wichtigeren Grund für interdisziplinäre Teams: Komplexe Umgebungen bringen es mit sich, dass einzelne Menschen gar nicht mehr in der Lage sind, alle notwendigen Aspekte der Arbeit zu überblicken. Spezialisierte Teams, in denen jedes Teammitglied ein Experte auf dem gleichen Wissensgebiet wie alle anderen ist, können die Flut an Informationen gar nicht angemessen bewerten, geschweige denn speichern.

Interdisziplinäre Teams entwickeln ein transaktives Gedächtnis

Interessanterweise haben wir Menschen eine Technik entwickelt, die uns hilft, mit einer großen Flut an Informationen aus unterschiedlichen Wissensgebieten klarzukommen: Wir nutzen andere Personen aus unserem näheren Umfeld quasi als lebenden Speicher. Die Psychologie nennt das auch transaktives Gedächtnis. Je länger die Gruppe beisammen ist, desto genauer hat jeder einzelne Kenntnis über die Fähigkeiten und das Wissen der anderen. Sobald nun neue Informationen oder Herausforderungen auftauchen, weiß die Gruppe intuitiv, wer dafür verantwortlich ist, die neue Information zu speichern.

Was ist ein transaktives Gedächtnis?

1991 machte der Psychologe Daniel Wegner ein Experiment mit 59 Paaren, die sich mindestens drei Monate kannten und häufig trafen (mindestens sechsmal die Woche). Diese Paare teilte er in zwei Gruppen. In der ersten Gruppe führte jeder Teilnehmer das Experiment mit dem ihm bekannten Partner durch. In der zweiten Gruppe wurden die Paare neu gemischt, sodass jeder Teilnehmer dieser Gruppe das Experiment mit einem ihm unbekannten Partner durchlief.

Die simple Aufgabe der Studie bestand darin, sich in Sätzen unterstrichene Wörter zu merken, die aus unterschiedlichen Gebieten kamen (Haushalt, Sport, Politik etc.). Die Erkenntnis dieses Experiments war, dass die Paare, die sich gut kannten, sehr genau einschätzen konnten, welche Wörter sich der andere merken würde, weil sie deren Interessengebiete kannten. War in einem Satz beispielsweise ein Begriff aus dem Sport unterstrichen und eine Testperson wusste, dass Sport ein Interessengebiet seines Partners war, hat sie sich auf diesen Begriff gar nicht sonderlich konzentriert, weil sie intuitiv wusste, dass sich der Partner diesen Begriff auf jeden Fall merken wird. Mit diesem Vorteil erzielten die Paare, die sich kannten, natürlich deutlich bessere Ergebnisse als die zufällig zusammengestellten Paare, die nichts über die Interessengebiete des anderen wussten.

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Vorteile von langlebigen interdisziplinären Teams

Interdisziplinäre Teams haben also nicht nur den Vorteil, dass sie komplexe Problemstellungen mit einer großen Vielfalt an Perspektiven angehen können. Sie sind auch in der Lage, große Mengen an Informationen auf mehrere Köpfe zu verteilen und sie im passenden Moment auch anzapfen zu können. Aber dieser Vorteil entsteht nur, wenn die Teammitglieder sich gut genug kennen und wissen, was der andere kann (und was nicht). Deshalb müssen interdisziplinäre Teams langlebig sein. Würfeln wir Teams beständig durcheinander und setzen sie neu zusammen, weil wir der Meinung sind, dass irgendwo gerade eine gewisse Expertise benötigt wird, kennen sich die Teammitglieder nicht gut genug, um ein transaktives Gedächtnis zu entwickeln.

Die Vorteile von langlebigen interdisziplinären Teams, die ein transaktives Gedächtnis entwickelt haben, liegen auf der Hand. Jeder einzelne im Team hat Zugriff auf Wissen und Fähigkeiten, die er selbst nicht abzuspeichern braucht. Aufgrund der hohen Komplexität eines Themas wäre es ohnehin gar nicht dazu in der Lage. Außerdem bietet ein transaktives Gedächtnis sozusagen Wissen, das erst durch die Verbindung der einzelnen Teammitglieder entstehen konnte. Das Team-Flow-Modell beschreibt diesen Aspekt auch als Synergieprozesse.

Gefahren für langlebige interdisziplinäre Teams

Die Spezialisierung einzelner Teammitglieder auf bestimmte Wissensgebiete darf natürlich nicht dazu führen, dass gleichzeitig auch die komplette Verantwortung für alle Themen aus diesem Bereich auf ein einzelnes Teammitglied abgewälzt werden. Nur weil ein Teammitglied einen speziellen Bereich hat, für den es quasi als Wissensspeicher dient, darf nicht der Fall eintreten, dass alle anderen Teammitglieder meinen, sie müssten sich überhaupt nicht mehr darum kümmern.

Interdisziplinäre Teams müssen deshalb darauf achten, Wissen so gut es geht zu verteilen. Die meisten Scrum Teams favorisieren daher die Idee der sogenannten T-shaped Skills. Das bedeutet im Grunde, dass es zwar Spezialisten zu einem Wissens- oder Kompetenzbereich gibt, sich aber jeder Spezialist gleichzeitig so breit wie möglich in anderen Bereichen aufstellt.

Anmerkungen   [ + ]

1.Im englischsprachigen Scrum Guide ist von cross-functional Teams die Rede. Aber da sich das irgendwie nicht so schön liest und ich crossfunktionale Teams noch viele schlimmer finde, habe ich mich für den Begriff aus dem deutschsprachigen Scrum Guide entschieden.