Die Idee des so genannten Flipped Classrooms geht auf die Lehrer Jonathan Bergmann und Aaron Sams zurück, die damit begonnen haben, Schülern, welche aus Krankheitsgründen nicht am Unterricht teilnehmen konnten, Videos des Unterrichts bei YouTube bereitzustellen. Grundsätzlich handelt es sich hier also zunächst einmal um MOOC’s, wie sie beispielsweise durch die Khan Academy verbreitet werden. Allerdings werden die zur Verfügung gestellten Videos nicht als alleiniges eLearning genutzt, sondern der Flipped Classroom ist ein Blended-Learning-Konzept: die Präsenzveranstaltung wird dazu genutzt, um das vorher angeschaute Videomaterial im Unterricht anzuwenden, auszuprobieren, offene Fragen zu beantworten und vieles mehr.

Das Verhältnis von Unterricht und Heimarbeit wird also umgedreht (oder „geflipped“). Der Unterricht dient nicht mehr der Erlernung (oder Präsentation) des Stoffes und die Heimarbeit der Anwendung des Lernstoffes, sondern umgekehrt. Drei Hochschullehrer der Philipps-Universität Marburg, der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und der Fachhochschule Bielefeld haben damit bereits außerordentliche Erfolge verzeichnet.(1) Auch auf der Webseite von Inverted Classroom Deutschland gibt es einige sehr interessante Informationen zum Flipped Classroom als Download, die letztlich alle belegen können, dass dieses Unterrichtskonzept einen großen Lerneffekt erzielt. In der Posterpräsentation von Prof. Dr. Christian Decker und Stephan Beier heißt es sogar:

Auf Basis der empirischen Untersuchung konnte für das an der HAW Hamburg im Sommersemester 2013 durchgeführte ICM ein besserer Lernerfolg nachgewiesen werden als bei der Anwendung tradioneller Unterrichtsformen. Dieses Ergebnis geht mit einer Erhöhung von lernerzentrierter Selbststeuerung und aktiver Beteiligung und Kooperation in den Lernprozessen einher.

Dieses Ergebnis wirft allerdings die Frage auf, was mit „traditionellen Unterrichtsformen“ überhaupt gemeint sein soll, da dieser Begriff in der Posterpräsentation gar nicht genauer erklärt wird. Insofern hier der Frontalunterricht gemeint ist, ist dieses Zitat sicherlich richtig. Die moderne Lerntheorie hat seit langem bewiesen, dass unser Gehirn am besten lernt, wenn der Lerninhalt in eine konkrete Situation oder in ein Beispiel eingebettet ist. Je näher diese Situation der alltäglichen Lebenswelt der Lerner entspricht, desto besser. Zudem behalten wir Lerninhalte besser, wenn wir sie (an diesen Beispielen) anwenden und ausprobieren können, statt sie nur mental nachzuvollziehen (wie beispielsweise in einer klassischen Vorlesung).

Grundsätzlich lässt sich beim Flipped Classroom Modell feststellen, dass die Präsenzveranstaltung zwar viele wichtige Kriterien eines handlungsorientierten Unterrichts erfüllt (worauf auch sicherlich der empirisch bestätigte höhere Lerneffekt zurückzuführen ist), die reine „Präsentationsphase“ jedoch nicht eliminiert, sondern nur ausgelagert wurde. Natürlich hat das Auslagern der reinen Lernstoffvermittlung mittels eines Lernvideos viele Vorteile: So können Lerner zeit- und ortsunabhängig auf die Videos zugreifen und sich so den Lernstoff wann und wo sich möchten aneignen. Sie können das, was sie nicht verstanden haben, erneut aufrufen, bis sie es verstanden haben und ihr Lerntempo ebenfalls selbst bestimmen. Diese „revolutionären“ Fakten bietet im Übrigen auch das Medium Buch – man muss es nur entsprechend nutzen. Auch über Texte lassen sich Mittel und Wege finden, Lerner dazu zu animieren, sich die Inhalte selbst anzueignen, um sie dann während der Präsenzveranstaltung anzuwenden und offene Fragen zu beantworten.

Auf der anderen Seite ist auch das Medium Video (und auch Text) weiterhin ein Medium, das den Lerner beim ersten Kontakt mit dem Lerninhalt in eine passive Rolle zwängt und zum reinen Rezipienten degradiert. Ein didaktisches Konzept, das auch die Lernstile nach David Kolb beachtet, müsste also Mittel und Wege finden, entdeckendes Lernen (von der Praxis zur Theorie und nicht von der Theorie zur Praxis) möglich zu machen und versuchen, den theoretischen Teil des Unterrichts mit allen Mitteln zu minimieren, statt ihn per Video aus dem Unterricht auszulagern. Einige Überlegungen zur Auswahl von Lernmedien findest Du auch in meinem Blogartikel: Video, Podcast oder Text?

Das Medium Video beschränkt jeden Trainer, Lehrer oder Workshopleiter in didaktischer Hinsicht, denn es bietet den Lernern keine „reale Erfahrung“. Videos sind nicht Realität, sondern bilden sie nur ab. Zudem gibt es (wie bei allen Lehrmitteln) gut und schlecht gemachte Videos. Nimm beispielsweise das Video zur Welle im Fach Physik von der bekannten Khan Academy:

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Welchen Vorteil soll dieses Video bieten? Wo ist der Unterschied zu einem Lehrer, der in einem (monotonen) Vortrag die gleichen Striche mit Kreide an eine Tafel malt? Jeder Besuch im Wellenbad oder ein im Unterricht mitgebrachtes Springseil veranschaulicht die Entstehung von Wellen deutlich effektiver. Dieses Video zeigt deutlich, dass der (zur Recht) verteufelte Frontalunterricht lediglich per Video ausgelagert und eben nicht didaktisch entfernt wurde. (In meinem Artikel „Sind wir auf dem Weg zum digitalen Frontalunterricht?“ findest Du übrigens noch einige weitere Gedanken zu diesem Thema.)

Sicherlich bieten MOOC’s, das Medium Video und auch das Konzept des Flipped Classroom fantastische Möglichkeiten, handlungsorientiertes Lernen zu ermöglichen. Es ist jedoch ein Irrglaube, das Konzept des Flipped Classroom an sich erzeuge automatisch einen höheren Lerneffekt, nur weil das frontale Präsentieren nicht mehr in der Präsenzveranstaltung stattfindet, sondern zu Hause bei den Lernern im Wohnzimmer.

Höhere Lerneffekte werden durch ein handlungsorientiertes Lernen erzielt und dies ist zuallererst eine didaktische Entscheidung. Wer die richtigen Entscheidung trifft, dem eröffnen Videos, digitales Lernen und Konzepte wie Flipped Classroom außerordentlich vielversprechende, neue Möglichkeiten. Und so wird es gute wie schlechte Flipped Classrooms geben, wie es eben auch gute und schlechte Videos zur Entstehung von Wellen gibt.

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Anmerkungen   [ + ]

1.Mehr dazu auf der Webseite der Universität Marburg.