Du fragst Dich sicherlich, was eine Fehlerkultur, beziehungsweise was Fehler und Irrtümer mit Charles Dickens weltberühmten Roman gemein haben.

Es ist relativ einfach. Mir persönlich (und da bin ich sicherlich nicht die Einzige hier) fällt beim Wort Fehler oder Fehlerkultur immer recht schnell das Bild einer Guillotine ein. Ein Thema, das einen den ganzen Roman von Dickens über begleitet. Und seien wir doch mal ehrlich, wer hat sich nicht schon einmal gefühlt wie auf dem Weg zum Schafott, wenn ein Fehler, den man begangen hat, „aufgedeckt“ wurde?

Und was ist denn nun diese viel zitierte, oft gewünschte Fehlerkultur? Ich weiß, viele haben ihre Probleme mit diesem Begriff. Denn wir wollen ja weder Fehler noch Irrtümer „kultivieren“. Schon richtig. Für mich bedeutet es allerdings eher, dass wir eine Kultur schaffen sollten, in der es einen sinnvollen Umgang mit Fehlern und Irrtümern gibt. Daher verzeihst Du mir sicherlich, wenn ich aufgrund der Griffigkeit und Kürze bei den Begriffen Fehlerkultur und Irrtumskultur bleibe.

Was ist das denn, dieser Fehler?

Wenn wir über Fehlerkultur sprechen, kommen wir nicht umhin, uns einmal anzuschauen, was denn dieser Fehler eigentlich genau ist. Laut Duden ist ein Fehler:

Etwas, was falsch ist, vom Richtigen abweicht

Wir haben also in diesem Fall bereits ein bestimmtes, „richtiges“ Ergebnis vor Augen. Und wenn wir dieses nicht erreichen, ist irgendwo auf der Strecke ein Fehler begangen worden. Das stellen wir allerdings erst am Ende fest. Ein Fehler ist demnach nicht nur eine Abweichung, sondern vor allem etwas rückwärts Gerichtetes, zumal die Festlegung des Ziels in der Vergangenheit liegt.

Und der Irrtum?

Auch beim Irrtum bemühe ich einmal kurz den Duden. Ein Irrtum ist demnach:

fälschlich für richtig gehaltener Gedanke; falsche Vorstellung, Handlungsweise

Ein Irrtum entsteht also aus dem Wissen, das ich zu diesem Zeitpunkt besitze. Ich kann somit im eigentlichen Sinne kein Ziel gefährden, denn ich kenne es nicht in allen Details.

Wann brauche ich eine Irrtums- und Fehlerkultur?

Um diese Frage zu beantworten, können wir uns das Cynefin-Framework von Dave Snowden, das ihr rechts seht, anschauen. Ganz kurz gesagt geht es hier darum herauszufinden, wie ich in welcher Situation schlauerweise agieren sollte.

Uns hilft es zudem zu sehen, wo ein Fehler und wo ein Irrtum entstanden sein kann. Auf der rechten Seite seht ihr zwei Umgebungen, die mit einfach und kompliziert beschriftet sind. Das sind die sogenannten geordneten Systeme.

Cynefin Framework

In diesen herrscht Klarheit darüber, wie Ursachen und Wirkungen zusammenhängen. Zudem hat man hat ein festgelegtes Ziel vor Augen.

Ein wenig anders stellt es sich im komplexen System dar. In diesem ist die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung nicht vorab erkennbar. Die Ergebnisse unseres Handelns sind nicht weit vorhersagbar und wir kennen das Ziel noch nicht in allen Details.

Jetzt ist es relativ einfach zu sehen, dass ein Fehler (und eine entsprechende Fehlerkultur) zu den geordneten System gehört. Denn wir kennen ja eigentlich das Ziel, haben es aber nicht erreicht. Der Irrtum hingegen ensteht im komplexen System, in dem wir auch sinnvollerweise agil und mit Iterationen arbeiten. Denn hier arbeiten wir nach dem Prinzip Trial and Error. Im komplexen System brauchen wir demnach eine gute Irrtumskultur.

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Warum eine gute Irrtums- und Fehlerkultur wichtig sind

Kommen wir zurück zu unserer Guillotine. Heutzutage ist es doch oftmals so, dass wenn ein Fehler oder auch ein Irrtum passiert, dieser sanktioniert wird. Als Beispiel: Unsere Kinder bekommen schlechte Noten, wenn sie in der Klausur zu viele Fehler machen und schlimmstenfalls ist ihre Versetzung gefährdet. Oder wir unterliegen einem Irrtum, machen einen Fehler bei der Arbeit und werden schlimmstenfalls von unserer bisherigen Position entfernt oder bekommen einen Bonus nicht, oder, oder, oder.

Was wir mit diesem Verhalten jedoch fördern, ist ein statisches Selbstbild, ein Fixed Mindset wie Carol Dweck es beschreibt. Sehr wahrscheinlich beginnen die Mitarbeiter nämlich in einem solchen Fall damit, auf andere zu schauen, die noch schlechter sind oder fangen auch mal gerne an zu mogeln, wenn sie Gefahr laufen das Ziel nicht zu erreichen. Sie verlieren das Vertrauen in ihre Fähigkeiten und in die der anderen.

Dies geschieht nicht deshalb, weil sie (wir) schlechte Menschen sind. Sondern weil Sanktionen und Kontrolle auch immer zum Verlust von Motivation und Flow führen und eine Kultur der Angst uns in dem Gefühl zurücklässt, keine andere Möglichkeit zu haben.

Der worst case

Und jetzt kommt es noch schlimmer! Nicht nur, dass wir ein Fixed Mindset fördern, wenn wir Sanktionen für Fehler und Irrtümer aussprechen. Wir fördern eine Kultur der Angst, die erwiesenermaßen Kreativität zerstört, statt sie zu fördern. Denn wenn wir Angst oder Stress empfinden, greift unser Gehirn automatisch auf automatisierte Handlungsabläufe zurück, statt lange zu überlegen.

Zusätzlich bringen wir die Menschen dazu in einen Zustand zu geraten, den Simon Sinek als Ethical Fading beschreibt. Bei diesem „Verblassen der Ethik“ steigern wir uns nochmal und gucken nicht nur auf andere, die vielleicht schlechter sind als wir. Wir zeigen auch auf sie und lassen sie nur zu gerne über die Klinge springen, statt unsere eigenen Fehler einzugestehen.

Tja, Angst essen Seele auf, sage ich nur dazu.

Eine gute Irrtums- und Fehlerkultur im richtigen Kontext einsetzen

Wir könnten es ja auch mal anders versuchen. Lasst uns Fehler doch als das betrachten, was sie sind. Sie decken Mängel auf. Aber nicht Mängel der Person, sondern des Unternehmens (oder der Institution). Vielleicht haben wir ja das Ziel nicht klar genug kommuniziert oder den Mitarbeitern nicht alle Fähigkeiten mit auf den Weg gegeben, die sie benötigen. Aus Fehlern (genau so wie aus Irrtümern natürlich) kann man lernen, wenn man keine Angst haben muss, sie zu begehen. Und das macht sie so wertvoll.

Bei Irrtümern ist es ähnlich, aber noch expressiver. Denn sie folgen gerade dem iterativen Vorgehen, das wir in komplexen Umgebungen einsetzen sollten. Jeder will heute agil arbeiten, aber keiner möchte dabei einen Irrtum sehen. Verrückt, oder?

Das eine gibt es nicht ohne das andere! Und wenn wir agil arbeiten möchten, beispielsweise nach Scrum, müssen wir auch willens sein, Irrtümer zu begrüßen und aus ihnen zu lernen.

Ob nun Irrtums- oder Fehlerkultur. Wir müssen lernen, das zu fördern, was uns weiterbringt. Um es mit Simon Sineks Worten zu sagen: Wir müssen lernen das Infinite Game mit einem Infinite Mindset zu spielen! So, game on…