Feedback-Etiketten sind ein weit verbreitetes Phänomen und führen schnell dazu, dass ein Feedbackgespräch unangenehme, bisweilen sogar negative Effekte erzeugt. Doch welche Hintergründe hat es eigentlich, dass wir so schnell aus der Haut fahren, wenn jemand zu uns sagt: „Du bist so unausgeglichen“? Auch eine der viel gelobten (und wichtigen) Ich-Botschaften („Ich finde Dich unausgeglichen!“) hilft hier nur wenig weiter, denn die Grundbotschaft bleibt die gleiche: Ich werde beurteilt und erhalte das Etikett „unausgeglichen“. Das Problem mit Feedback-Etiketten lässt sich mit zwei Prinzipien näher beleuchten und erklären.

Prinzip 1: Intentionsperspektive und Wirkungsperspektive

Unser Verhalten wird von unseren Mitmenschen anders interpretiert als von uns selbst. Wenn wir über unser Verhalten nachdenken, beispielsweise angestoßen durch ein erhaltenes Feedback, dann führen wir zur Begründung unseres Verhaltens meist Gründe ins Feld, die sich vor allem auf unsere Absichten und Intentionen stützen. Diejenigen, die von unserem Verhalten „betroffen“ sind, beurteilen das gleiche Verhalten jedoch eher aus der Perspektive der Wirkung heraus, die unser Verhalten bei ihnen erzeugte. Ein Beispiel: Ein Kollege aus der Redaktion hat Schwierigkeiten mit einer Aufgabe und wir versuchen, ihn dabei zu unterstützen, etwa indem wir ihm Materialien zur Verfügung stellen oder Quellen nennen, die er für seine Recherche nutzen kann. Es kommt zu einem Streit mit dem Kollegen, weil dieser sich in seiner Autonomie eingeschränkt fühlt und die Aufgabe ganz allein bewerkstelligen wollte (Wirkung). Wir selbst hingegen sind erschrocken über die Reaktion des Kollegen, weil wir doch „nur helfen wollten“ (Intention). Feedback-Etikett: „Du mischt Dich immer ein!“ Reaktion: Der Kollege ist undankbar.

Prinzip 2: Situationsperspektive vs. Charakterperspektive

Ein zweites Prinzip führt ebenfalls zur Entstehung von Feedback-Etiketten. Während wir selbst unser Verhalten gerne über Bedingungen und Umstände einer Situation herleiten („Ich hatte gerade Zeit und mein Kollege kam mit der Arbeit nicht richtig voran. Jeder andere hätte schließlich auch geholfen!“) tendieren unsere Mitmenschen eher dazu, unser Verhalten mit unserem (interpretierten) Charakter zu erklären („Du bist ein Besserwisser!“). Beides ist weder falsch noch richtig, sondern lediglich eine jeweils andere Perspektive auf das, was tatsächlich passiert ist, und eine mögliche Interpretation der Situation.

Das Problem mit Etiketten

Feedback-Etiketten erzeugen in unserem Denken eine Polarisierung, die letztlich ein Schwarz-Weiß-Denken hinsichtlich unseres Charakters und Handelns bewirkt: Entweder wir sind hilfsbereit oder wir sind es nicht. Entweder wir sind pünktlich oder wir sind es nicht. Entweder wir sind fleißig oder wir sind faul. Entweder wir arbeiten schnell und zuverlässig oder wir sind langsam und schlampig.

Spricht uns nun jemand ein Etikett, das wir uns selbst zusprechen ab, kommt es zu einem inneren Konflikt. Denn wenn wir nicht fleißig sind, können wir ja nur faul sein. Wenn wir nicht pünktlich sind, können wir ja nur unpünktlich sein! Wir beginnen, das Feedback des anderen zu attackieren, da es (von unserer Perspektive aus gesehen) „nur falsch sein kann“.

Die Psychologin Carol Dweck spricht im Falle von solchen Etiketten übrigens auch vom sogenannten Fixed und Growth Mindset. Wenn wir Menschen statische Charaktereigenschaften und Etiketten zuschreiben, fördern wir damit ihr eigenes statisches Selbstbild. Umgekehrt können Menschen mit einem sogenannten Growth Mindset besser mit Feedback umgehen, da sie erkennen, dass Fehlschläge „Ereignisse und keine Personen sind.“ Mehr zum Thema Growth Mindset findest Du auch in der Übersicht zum Thema Gemeinschaft.

Mögliche Auswege aus dem Dilemma

Zunächst einmal solltest Du Dir bewusst machen, dass Feedback-Etiketten immer und überall auftauchen. Schule Dich also darin, Etiketten wahrzunehmen – sowohl bei anderen als auch bei Dir selbst. Beginne damit, Etiketten zu hinterfragen: „Was genau meinst Du mit unpünktlich? Komme ich stets zu spät? Wann fällt Dir das auf und wann stört es Dich? Komme ich immer zu spät oder nur bei besonderen Situationen, beispielsweise morgens zur Arbeit oder zu Telefonkonferenzen? Wie groß ist die Zeitspanne für Unpünktlichkeit (für Dich)?“

Oder: „Was genau meinst Du mit ungeduldig? In welchen Situationen habe ich keine Geduld? Wie verhalte ich mich genau, dass Du dies als Ungeduld bezeichnest? Wie müsste ich mich verhalten, damit Du mich als geduldig bezeichnen würdest?“

Feedback-Etiketten zu hinterfragen, hilft beim Austausch der verschiedenen Perspektiven. Wichtig ist hierbei, dass Du den anderen aufforderst, es möglichst beschreibend und neutral zu formulieren, damit Ihr Euch (gemeinsam) vom Etikett lösen könnt.

Vergegenwärtige Dir, dass Du komplexe Intentionen und Absichten hast, die sich untereinander widersprechen. Du wirst niemals die Perfektion des Etiketts „fleißig“ erreichen, aber auch niemals ausschließlich „faul“ sein. Du wirst stets sowohl das eine als auch das andere sein. Lass das Schwarz-Weiß-Denken hinter Dir und sei kompliziert! Es mag sein, dass Du morgens immer 5 Minuten zu spät auf der Arbeit erscheinst, aber in allen anderen Bereichen stets pünktlich Deine Aufgaben erledigst: Bei Videokonferenzen bist Du vielleicht immer der erste im Raum und wartest geduldig auf alle anderen Teilnehmer. Deine anstehenden Arbeiten hast Du bis dahin bereits erledigt, sodass nichts liegen bleibt.

Nur wenn Du Dich selbst innerlich von Feedback-Etiketten löst und Dein Schwarz-Weiß-Denken ablegst, wirst Du offener sein, wenn Du von anderen Feedback erhälst und so die Möglichkeit haben, darüber nachzudenken, ob Du Dich ändern möchtest oder nicht. Mehr zum Thema Feedback nehmen findest Du übrigens auch im Artikel Danke für Dein Feedback.