Immer häufiger lese ich davon, dass Scrum ein Dogma sei und dass man – sobald man ein ausreichend agiles Mindset habe – die Regeln auch an seine Bedürfnisse anpasse könne (und sogar solle).

Dazu ein kleines Gedanken-Experiment: Der Trainer von Borussia Dortmund hat kürzlich beschlossen, dass die Abseitsregel für seinen Verein in Zukunft nicht mehr gelten solle. Lucien Favre dazu: „Diese Abseitsregel hindert meine Mannschaft daran, leichter Tore gegen unsere Gegner zu schießen. Außerdem ist sie nicht gut mit unserer Spielstrategie, schnell nach vorne zu spielen, vereinbar. Ohne eine Abseitsregel sind wir viel besser in der Lage, unsere Art des Spiels umzusetzen. Wir werden daher in Zukunft auf die Einhaltung der Abseitsregel gänzlich verzichten.“

Wenn Du so eine Meldung in der Zeitung lesen würdest, würdest Du wahrscheinlich erst einmal einen Blick auf den Kalender werfen, um zu überprüfen, ob eventuell der 1. April ist. Denn ansonsten wäre es undenkbar, einen solchen Satz dort zu finden. Die Abseitsregel ist Teil des Spiels Fußball. Jede Mannschaft, die von sich behauptet, sie spiele Fußball, hält sich daran. (Wenn sie an offiziellen Spielen teilnimmt, bleibt ihr sogar gar keine andere Wahl.)

Was für den Fußball undenkbar scheint, gilt für Scrum anscheinend immer weniger. Die eine oder andere Firma will sich auch nicht in dieses enge, unangenehme Korsett pressen lassen und schafft Scrum gleich ganz ab. Und begründet werden solche Schritte immer öfter damit, dass Scrum ein Dogma sei. Dabei kann Scrum gar kein Dogma sein.

Spielregeln erzeugen Bedeutung (aber kein Dogma)

In meinem Gastartikel auf t2informatik habe ich vor etwas mehr als einem Jahr schon einmal ausführlich dazu geschrieben, dass ein wichtiger Satz im Scrum Guide immer gerne übersehen wird: The Rules of the Game. Und wenn wir Scrum wie ein Spiel betrachten, können wir sehr leicht Parallelen zum Fußballspiel aufdecken.

Die Regeln eines Spiels können gar nicht dogmatisch sein, da sie die Bedeutung des Spiels erst konstruieren.

Jede neue Regel erzeugt neue Bedeutung und/oder verändert die Bedeutung des gesamten Spiels. Wenn Du in Scrum die Retrospektive einfach weglässt, verändert das Dein „restliches Scrum“ genauso, als wenn Du beim Fußball die Abseitsregel nicht mehr beachtest. Insofern macht der Vorwurf, Scrum sei dogmatisch gar keinen Sinn.

Ich will anders arbeiten!

Scrum, Kanban & agiles Projektmanagement

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Ist Scrum ein Dogma?

Woher kommt dann der Vorwurf, Scrum sei dogmatisch? Er entsteht – so glaube ich – dann, wenn wir die Scrum-Regeln so verstehen oder interpretieren, als würden sie mit dem Anspruch auftreten, den Heiligen Agilen Gral darzustellen:

Wirklich agil bist Du nur mit Scrum.

Aber das hat nie jemand behauptet. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, agil zu arbeiten; Kanban ist beispielsweise eine beliebte Alternative zu Scrum. Parallel dazu gibt es auch sehr viele Möglichkeiten, Sport zu treiben. Fußball ist nur eine davon. Falls Du Dich allerdings für Fußball (als Sportart) entscheidest, musst Du Dich an alle Fußballregeln halten. Wenn Du Dich für Scrum (als agiles Rahmenwerk) entscheidest, musst Du Dich an die Scrum-Regeln halten. Das bedeutet aber wie gesagt weder, dass Du nur durch Fußball in der Lage bist, Sport zu treiben, noch dass Du nur durch Scrum in der Lage bist, agil zu arbeiten.

Scrum ist hart, aber nicht dogmatisch

Ja, geb ich es gerne zu: Scrum umzusetzen und richtig gut darin zu werden, ist extrem harte Arbeit. Und da fällt es vielleicht sogar ein wenig leichter, mal fünf gerade sein zu lassen, und die Spielregeln, die Dich am meisten stören, ein wenig abzuändern oder zu entschärfen, damit es nicht ganz so weh tut. Verständlich.

Die bessere Frage wäre aber: Warum haben wir diesen Schmerz mit dieser oder jener Scrum-Regel und was müssen wir tun, damit er verschwindet? Genauso wie sich eine Fußballmannschaft, die ständig ins Abseits läuft, besser fragen sollte, warum das permanent geschieht, als zu beschließen, dass die Abseitsregel „irgendwie zu dogmatisch“ sei.

Bernard Suits hat schon in den 70er Jahren in seinem lesenswerten Buch The Grasshopper geschrieben, Spielen sei das Überwinden unnötiger Hindernisse. Insofern mögen Scrum-Regeln dem einen oder anderen unnötig erscheinen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Aber sie helfen uns dabei, agiler zu arbeiten. Oder um es noch einmal mit Bernard Suits zu sagen:

To play a game is to attempt to achieve a specific state of affairs, using only means permitted by rules, where the rules prohibit use of more efficient in favour of less efficient means, and where the rules are accepted just because they make possible such activity.