Sind wir auf dem Weg zum digitalen Frontalunterricht?

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Sind wir auf dem Weg zum digitalen Frontalunterricht?

Wenn Du vielleicht gerade erst damit beginnst, Dich mit digitalem Lernen zu beschäftigen, und überlegst, wie Du Deine didaktischen Ideen (auch) digital umsetzen kannst, wirst Du zwangsläufig auf einige Begriffe stoßen, die eine antiquierte Didaktik widerspiegeln. Auf den ersten Blick sehen sie harmlos aus. Das sind etwa solche Begriffe wie „Storyboards“, „digitales Storytelling“ oder auch die sogenannten „Autorentools“.

Ich habe eine Bitte an Dich: Lass Dich von diesen schicken Anglizismen nicht beeindrucken und folge nicht dem Weg zur dunklen Seite der Macht! Lass Dir diese und andere Konzepte nicht als „The Next Big Thing“ verkaufen, sondern enttarne die dazu genutzten Tools als das, was sie sind: digitaler Frontalunterricht.

  • Wenn Du das Wort „Storyboard“ hörst, wie verläuft dann der Lernprozess?
  • Wenn Du das Wort „Autorentools“ hörst, welche Rolle hat dann der Lerner?
  • Und wenn Du das Wort „individualisiertes Lernen“ hören, mit wem lernt der Lerner dann?

Hinter all den schicken Begrifflichkeiten steckt bei genauerer Betrachtung eine Didaktik, die den analogen Frontalunterricht in einen digitalen Frontalunterricht transformiert. Zugegeben, es glänzt alles ein bisschen schicker und blinkt ein bisschen mehr, aber im Grunde genommen wird der Lerner in diesen Konzepten in die gleiche passive, rezipierende Rolle gedrängt wie in einer Vorlesung des 19. Jahrhunderts. Er kann zwar bestimmen, wann er die digitalen Lerninhalte abruft, er kann sie auch noch einmal neu ablaufen lassen, wenn er sie nicht verstanden hat und manches andere tun. Aber lass Dich nicht täuschen: dieser Fortschritt ist ungefähr so enorm wie der Unterschied zwischen „klassischem Fernsehen“ und „Netflix“. Egal was von beidem Du anschaust: Du sitzt immer noch als Zuschauer auf der Couch.

Aberglaube 1: Lineares Lernen

Der erste Aberglaube, der hinter solchen Begrifflichkeiten steckt, ist der zu glauben, dass Lernen immer als vorhersagbarer, linearer oder stufenweise aufeinander aufbauender Prozess denkbar ist. Dahinter steht der Gedanke, dass jeder Lerner von einem (schlauen) Trainer oder Lehrmeister nach und nach die richtigen Puzzleteile erhält, bis er in der Lage ist, das richtige Bild zu erkennen. Assimilierendes Lernen ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sieht folgendermaßen aus: Es kann gut sein, dass der (dumme) Lerner die Puzzleteile anders zusammensetzt, als es sich der (schlaue) Trainer vorher gedacht hat und da er in die Köpfe seiner Lerner nicht hineinschauen kann, kann er den Lernprozess gar nicht steuern.

Aberglaube 2: Passive Rekonstruktion

Ausdrücke wie „digitales Storytelling“ machen noch einen zweiten Aspekt deutlich: Wenn Lernen eine Geschichte ist, dann ist der (schlaue) Trainer der Erzähler und der (dumme) Lerner ist der Zuhörer. Die Handlung (also das, was gelernt werden soll.) steht bereits exakt fest und ebenso der Weg, wie man dorthin zu gelangen hat. Die einzige aktive Rolle kommt dem Trainer zu. Die einzige Aufgabe des Lerners ist es, den Inhalt der Geschichte (so wie sie ist) aufzunehmen und zu verinnerlichen. Der Lerner braucht also im Grunde nichts weiter zu tun, als aufzupassen und zuzuhören bzw. zuzusehen. (Mit viel Glück darf er später in einem Multiple-Choice-Test noch beweisen, wie gut er rezitieren kann.)

Digitales Storytelling konzentriert sich im Lernstilmodell nach David Kolb auf den Aspekt des reflektierenden Beobachtens und steht daher vor allem für die Lernstile Divergierer und Assimilierer (sic!). Vernachlässigt werden Lerner, die die Lernstile Akkommodierer oder Konvergierer bevorzugen. Von einer aktiven Konstruktion des Wissens oder Dekonstruktion des Gelernten nach Kersten Reich einmal ganz zu schweigen.

Aberglaube 3: Präskriptives Lernen

Storyboards und digitale Lernpfade stehen aber noch für etwas anderes. Sie stehen für ein präskriptives Lernen, das definiert, was genau zu lernen ist. Digitales Storytelling gibt eine Gewichtung und Wertung für den Lerner vor. Dabei spricht zunächst einmal nichts dagegen, sich als Trainer Gedanken darüber zu machen, was beim Lernen „herauskommen“ soll. Ganz im Gegenteil! Zieldefinitionen über die Taxonomiestufen nach Benjammin Bloom sind eines der grundlegendsten Werkzeuge für jeden Trainer.

Was jedoch falsch ist: dem Lerner das vermittelte Wissen so darzubringen, als sei dies die einzige Möglichkeit, die Dinge zu tun. Wenn Du ein guter Verkäufer sein möchtest, musst Du exakt so verkaufen. Wenn Du ein guter Chirurg sein willst, musst Du exakt so operieren. Einen Autoreifen wechselt man exakt so und nicht anders. Wenn Du Versicherungen verkaufen möchtest, musst Du es exakt so tun und nicht anders.

Wenn Du Lerner dazu befähigen möchtest, Wissen erfolgreich anzuwenden, ist es im Allgemeinen sinnvoll, sie genau das tun zu lassen! Statt ihnen also immer und überall kleinschrittig vorzumachen, was sie wie zu tun haben, solltest Du ihnen die Möglichkeiten geben, erlerntes Wissen so anzuwenden wie es am besten zu ihnen passt. Dazu musst Du Dich jedoch von engen Rahmenbedingungen lösen und emergente Lernprozesse erlauben bzw. möglich machen.

Willst Du den digitalen Frontalunterricht?

Solltest Du also in nächster Zeit mit dem Gedanken spielen, digitale Lernformen einzusetzen, dann denk darüber nach, was die Etiketten, die Dir dort begegnen, wirklich bedeuten. Möchtest Du Lerner, die alleine vor ihren Displays sitzen? Sollen Deine Lerner zuvor als wichtig definierte Inhalte rezipierend aufnehmen? Oder möchtest Du Lerner, die aktiv Inhalte erstellen und sich darüber untereinander austauschen? Möchtest Du, dass sich Deine Lerner auf Dich als Trainer fokussieren oder möchtest Du soziales Lernen fördern? Möchtest Du, dass Lerner einen exakten Pfad befolgen (müssen), um an das von Dir vorgegebene Ziel zu gelangen? Oder möchtest Du ihnen die Freiheit geben, sich Inhalte so anzueignen, wie es ihnen am besten liegt? Möchtest Du wirklich einen digitalen Frontalunterricht oder möchtest Du digitale Interaktion? Möchtest Du digitales Storytelling oder digitales Improvisationstheater?

Von |2018-09-11T13:51:29+00:0027. Januar 2017|Kategorien: Didaktik, Digitales Lernen, Lernen|Schlagworte: , , |0 Kommentare

Über den Autoren:

Ich glaube an eine Arbeitswelt, in der Menschen darauf brennen, am Montag endlich wieder zur Arbeit gehen zu dürfen. Deshalb helfe ich Menschen, Unternehmen und Organisationen, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass sich Motivation und Engagement entfalten können.

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