In meinem letzten Beitrag zur Themenzentrierten Interaktion habe ich Euch die Kernthemen ICH, WIR, ES und Globe etwas näher gebracht und habe euch versprochen, die wichtigen Leitsätze, die sechs Axiome der TZI zu ergänzen.

Ganz grob zusammengefasst und im Kontext der heutigen Sicht auf lebenslanges Lernen und speziell lernende Organisationen  geht es ja darum, den Menschen, die Gruppe und die Sache in den Vordergrund zu stellen. Und zwar gemeinsam. Es muss demnach eine dynamische Balance zwischen diesen Aspekten geschaffen werden und das unter Berücksichtigung und gegebenenfalls Anpassung der Umgebung. Um dies zu bewerkstelligen hat uns Ruth Cohn sechs Axiome zur TZI mitgegeben.

Wenn es Euch wie mir geht, als ich das erste Mal das Wort „Axiom“ gehört habe: Ein Axiom ist ein Grundsatz, der keines Beweises bedarf.

Im Zentrum dieser sechs Axiome der TZI steht die Selbstverwirklichung. Jetzt wundert ihr Euch vielleicht, denn ich habe ja beschrieben, dass es in der TZI keine Extreme gibt. Hört man jedoch Selbstverwirklichung, ist der erste Impuls zu denken, dass dies nur auf Kosten anderer geht?

Nicht ganz. Denn genau dafür gibt es unsere sechs Axiome. Handelt man nach diesen, merkt man schnell, dass Selbstverwirklichung auch Selbstbewusstsein bedeutet, allerdings ohne dabei egoistisch zu sein.

Am Ende dieses Beitrags gebe ich Euch übrigens noch einen Tipp, wie Ihr für Euch eine Art Leitfaden entwickeln könnt, um nach diesen zu handeln, bzw. mit welcher Methode Ihr und andere dieses Thema erarbeiten könnt.

Aber schauen wir uns zunächst die Axiome einmal an.

  • Ganzheitlichkeit

  • Autonomie

  • Hedonismus

  • Potential

  • Authentizität

  • Wertebindung und Gemeinschaft

Ganzheitlichkeit

Zum Thema Ganzheitlichkeit hat uns Ruth Cohn mitgegeben, dass wir immer mit Kopf, Herz und Hand agieren sollten. Das bedeutet, dass wir uns einerseits kognitiv mit den Dingen auseinander setzen sollten. Zum anderen braucht es auch die Selbsterfahrung, das Erleben, um neu Erlerntes emotional einordnen zu können. Und zu guter Letzt muss man neue Inhalte auch trainieren, üben. Ihr kennt das sicherlich. Einmal gehört heißt nicht verinnerlicht.

Kommt Euch das bekannt vor? Richtig! Da gibt es ja diese Taxonomie der Lernstufen.

Autonomie

Im Sinne Ruth Cohns bedeutet Autonomie vornehmlich zum Architekten seiner Selbst zu werden. Was für mich gleichbedeutend damit ist, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Aber Achtung. Es bedeutet auch Selbstverantwortung zu tragen und sich eben nicht auf andere zu berufen, wenn mal wieder etwas nicht funktioniert.

Und natürlich (wir erinnern uns an den Globe) sollte man diese Autonomie innerhalb der inneren und äußeren, beweglichen Grenzen leben.

Naja, und wer uns kennt, der wird wissen, dass wir zum Thema Autonomie auch schon das ein oder andere zu sagen hatten…

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Hedonismus

Hach, auf dieses Axiom habe ich mich irgendwie besonders gefreut. Denn jetzt wird es auf den ersten Blick etwas prekär, aber keine Sorge, ihr kennt Ruth Cohn ja mittlerweile etwas besser, es wird also nicht schlüpfrig.

Tja, dieser Hedonismus ist so eine Sache. Es handelt sich um eine philosophische Richtung aus dem antiken Griechenland. Überspitzt ausgedrückt handelt man hedonistisch, wenn man ohne Rücksicht auf Konsequenzen Lust empfinden möchte. Und zwar in der Regel Lust körperlicher Natur. Aber wie bereits erwähnt handelt es sich hier ja um eine philosophische Richtung und daher geht es in letzter Konsequenz doch eher um geistige Lust.

Warum ich dies so spannend fand, dass Ruth Cohn ausgerechnet den Hedonismus als eines der 6 Axiome gewählt hat, liegt in der Natur des Hedonismus selbst. Denn den reinen Hedonismus gibt es gar nicht. Er wird immer eingeschränkt und im Kontext wohl dosiert eingesetzt. Kommt Euch das bekannt vor? Genau. Wie die TZI selbst.

Es geht also im Wesentlichen nicht darum selbstverliebt zu sein und in extreme Richtungen abzudriften. Es geht schlicht und ergreifend darum, selbstfürsorglich zu sein. Auf sich selbst zu achten. Aber natürlich immer in der Balance zu den anderen Kernstücken (WIR/ES).

Potential

Beim Axiom Potential geht es vorrangig um eine positive Potentialentwicklung. Heute nennt man dies wohl eher Ressourcenentwicklung, aber davon nehme ich ganz nonchalant Abstand. Bleiben wir also bei der positiven Potentialentwicklung.

Im Endeffekt geht es hier um nichts anderes als darum, sich auf seine Stärken zu fokussieren. Aber nicht nur. Ruth Cohn nannte es den „Schwanenblick“. Ich sehe den Schwan, die Stärken, aber ich ignoriere deswegen nicht das hässliche Entlein, die Schwächen.

Stärkenfokussierung ist übrigens ein spannendes Thema, das ich auch im Buch Workhacks kennengelernt habe.

Authentizität

Auch das vorletzte unserer sechs Axiome der TZI ist für mich etwas ganz Besonderes. Denn es gibt nicht so viele Dinge, die mir wichtiger sind als authentisch zu sein. Und gleichzeitig haben wir in diesem einfachen Wort auch gleich eins der Kernstücke der TZI, die ich in meinem ersten Artikel zu dem Thema kurz angerissen habe. Die Chairperson. Besser gesagt: Sei Deine eigene Chairperson. Vertritt Dich selbst, aber hinterfrage Dich auch.

Jetzt habt Ihr vielleicht das ein oder andere Fragezeichen vor Euch. Dann geht es Euch wie mir. Wie kann man denn bitte authentisch sein und gleichzeitig sich selber immer hinterfragen?

Die Antwort lautet: üben, üben, üben. Und ja, ich arbeite noch daran.

Authentisch zu sein bedeutet nämlich nicht zu sagen: ich bin wie ich bin, der Rest ist Deine Sache. Um wirklich authentisch zu sein, muss man sich zwangsläufig die Frage stellen: wer bin ich eigentlich? Und diesen inneren Menschen wahrzunehmen und auch auf ihn zu hören ist nicht leicht. Ich spreche da aus Erfahrung.

Wertebindung und Gemeinschaft

Kommen wir zum letzten der sechs Axiome der TZI. Dem ersten Anschein nach geht es hier natürlich primär um das WIR. Aber ganz wesentlich in diesem Grundsatz ist auch das ICH. Denn hier geht es auch um die Selbstverwirklichung. Und nun wird auch etwas deutlicher, was mit Selbstverwirklichung gemeint ist, denn es geht nicht um eine individualistische, sondern um eine humanistische Selbstverwirklichung.

Ich trage mit meiner Selbstverwirklichung zum Gelingen dessen bei, dessen Teil ich bin. Einer Gemeinschaft. Das bedeutet nun einerseits, dass ich Teil eines größeren Ganzen bin und andererseits, dass das große Ganze auch Teil von mir ist.

Dazu gehört zum Beispiel auch konfliktfähig zu sein. An dieser Stelle habe ich dann auch verstanden, warum die TZI oftmals als Konfliktmanagement-Methode angewendet wird, auch wenn es ihr nicht ganz gerecht wird. Es gibt ein schönes Zitat von Ruth Cohn hierzu:

Entweder wir treffen uns, oder unsere Welt wird zugrunde gehen.

Das heißt, das ICH soll so gefördert werden, dass es WIR- und Globe-fähig wird.

Alles zu philosophisch für Dich? Kein Problem, denn auch die Neurobiologie bestätigt, dass wir als soziale Wesen die anderen Menschen brauchen. Und auch, dass sich eine positive Atmosphäre auf unsere Lernfähigkeiten auswirkt, bzw. dass das Gehirn im Umkehrschluss verarmt, wenn es keine Zuwendung von außen erhält. Wer sich hier noch weiter informieren möchte, dem sei zum Beispiel Gerald Hüther wärmstens empfohlen.

Mein Fazit und ein Tipp zu den Axiomen der TZI

Wenn Du bist jetzt durchgehalten hast und tapfer meinen Artikel zu Ende gelesen hast, möchte ich Dir kurz dafür danken. Wenn Du Dich dazu noch mit New Work im Sinne von Frithjof Bergmann beschäftigst, vervollständigt sich vielleicht Dein Bild, wie nah die Themenzentrierte Interaktion und New Work sich wirklich sind. Beide zeichnen das Bild einer Gesellschaft, in der Arbeit, aber auch das Leben insgesamt eine gute Mischung aus Sinn, Motivation, Gemeinschaft und Selbstverwirklichung sind. Was ist daran bitte schön so schwer?

Und abschließend habe ich Dir ja noch einen Tipp versprochen, wie Du und andere sich der TZI und ihren sechs Axiomen nähern können. Ich hole nur kurz aus, versprochen. Ich habe diesen Oktober meinen ersten Train the Trainer Kurs gegeben. Whoop, whoop! Und irgendwie wollte ich gerne die TZI als Inhalt dazu nehmen, habe mir das aber erst einmal offen gelassen, weil es natürlich viele wichtige Themen gibt, die man neuen Trainern mit auf den Weg geben möchte. Also wurde sie zum B-Inhalt. Glücklicherweise hatten wir noch Zeit und ich hatte mir überlegt, dass es vielleicht spannend wäre mit der Kopfstand-Methode zu arbeiten.

Also gab es eine kurze Einführung durch mich, in der ich die TZI und die sechs Axiome der TZI vorgestellt habe. Dann erhielten die Teilnehmer die Aufgabe, jedes dieser sechs Axiome in sein genaues Gegenteil zu verkehren. Anschließend sollten sie sich Schritte überlegen, was sie als Trainer tun können, um diese Anti-Axiome zu verwirklichen.

Zu guter Letzt bekamen sie von mir die Aufgabe, diese Schritte in ihr Gegenteil zu verkehren. Et voilá, ich war unglaublich erstaunt über das, was abschließend auf dem Flipchart stand. Nämlich eine ziemlich genaue Anleitung dafür, wie ich für mich als Trainerin, Menschenentwicklerin arbeiten möchte. Damit hatte ich nicht gerechnet, denn ich wollte ja nur einen Eindruck der TZI vermitteln.

Probiert es gerne mal aus. Ob für Euch oder in einer Gruppe. Ich freue mich natürlich riesig über entsprechendes Feedback!