Autonomie verstehen

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Autonomie verstehen

Wenn ich in einem Beratungsgespräch zum Thema „Wie entsteht Motivation?“ irgendwann auf den Punkt „Autonomie“ komme, ist der Aufruhr – gerade unter Führungskräften – nicht selten extrem. „Wo kommen wir denn dahin, wenn jeder macht was er will?!“ Dabei ist das gar nicht mit Autonomie gemeint. Fällt das Stichwort Selbstbestimmung, haben Führungskräfte anscheinend regelmäßig Bilder von „sich an den Füßen spielenden“ Mitarbeitern im Kopf. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wer selbstbestimmt arbeiten kann, ist motivierter, da Autonomie eines von drei menschlichen Grundbedürfnissen ist.

Was Autonomie nicht ist

Wer allerdings glaubt, Autonomie bedeute, dass jeder macht, was er will, verwechselt sie mit Unabhängigkeit. Unabhängigkeit bedeutet, dass wir tun und lassen können, was wir wollen. Weder Regeln und Normen noch die Bedürfnisse oder Gefühle anderer sind dann für das eigene Handeln relevant. Du tust die Dinge dann so, wie Du selbst (und nur Du) es für richtig hältst. Wer mit Dir ein Problem hat, muss halt noch ein wenig an sich arbeiten.

Was Autonomie wirklich ist

Edward Deci nennt neben Autonomie (und Kompetenz) noch eine dritte Säule, die erfüllt sein muss, damit Motivation entstehen kann: soziale Eingebundenheit. Für uns Menschen ist es wichtig, gute und funktionierende Beziehungen zu anderen aufzubauen. Wäre Autonomie also das Gleiche wie Unabhängigkeit, stünden diese beiden Säulen miteinander in Konflikt. Autonomie bedeutet jedoch, dass wir selbst entscheiden (und wählen) können, wie wir uns zu bestimmten Vorgaben, Normen, Regeln und Erwartungen anderer verhalten können. Wenn wir also die Möglichkeit haben, Gefühle anderer auf unsere eigene Art respektieren zu können und frei darin sind, wie wir uns zu bestimmten Erwartungen verhalten, um sie zu erfüllen, sind wir autonom.

Beispiel 1: Autonomie im Straßenverkehr

Wenn Du in Dein Auto steigst und von A nach B fährst, musst Du Dich zwangsläufig auch nach den anderen Autofahrern richten. Straßenverkehrsregeln sind durchaus sinnvoll, denn sie gewährleisten die Sicherheit und das Leben aller Verkehrsteilnehmer. Du fährst also auf der rechten Straßenseite, nicht über rote Ampeln und auch nicht mit 120 km/h durch die Innenstadt. Gleichwohl handelst Du autonom: Du kannst selbst entscheiden, wann Du Auto fahren möchtest, wie Du fahren möchtest, wohin Du fahren möchtest und mit wem Du fährst. Du hast also viele Möglichkeiten und Optionen Dich zu den Straßenverkehrsregeln und den anderen Verkehrsteilnehmern zu verhalten.

Beispiel 2: Autonomie im Flieger

Jetzt sagst Du vielleicht: „Das mag ja alles sein. Aber was ist denn, wenn ich mit dem Flugzeug in die USA fliegen möchte? Die Kontrollen und Vorgaben, die derzeit dort herrschen, sind ja unerträglich und nehmen mir das letzte Bisschen Selbstbestimmung!“ Doch selbst unter diesen restriktiven Vorgaben ist es möglich, sich als autonom zu erleben.

Beispiel 3: Autonomie im Spiel

Wie so oft kann ein Blick auf die Funktionsweise von Spielen Klärung bieten. Wenn Du ein Spiel spielen möchtest (egal welches), wird dieses Spiel gewisse Spielregeln haben, an die Du Dich halten musst. Beim Fußball darfst Du den Ball nicht mit der Hand berühren und beim Schach darfst Du den König immer nur ein Feld weiter bewegen. Wenn Du Dich nicht an diese Regeln hältst, dann schummelst Du. Wenn sich niemand an die Regeln hält, spielt Ihr vielleicht „irgendwas“, aber ganz sicher kein Fußball beziehungsweise Schach. Das heißt, durch die Regeln (und ihre Einhaltung) entsteht überhaupt erst das Spiel.

Trotzdem handelst Du in Spielen autonom, da Du Dich freiwillig dazu entschieden hast/konntest, es zu spielen (und die Regeln einzuhalten). Du kannst auch ablehnen, ein bestimmtes Spiel zu spielen und Dir ein anderes aussuchen. Genauso kannst Du Dein Reiseziel und das Transportmittel frei wählen. Du kannst ja auch mit dem Zug nach Rom fahren oder mit dem Schiff nach Australien. Solltest Du Dich aber frei entscheiden, den Flieger in die USA zu nehmen, dann akzeptierst Du auch die Bedingungen für eine solche Reise.

Autonome Mitarbeiter

Mitarbeiter autonom arbeiten zu lassen, bedeutet also nicht, dass man es ihnen überlässt, ob sie ihre Arbeit erledigen. Es bedeutet auch nicht, dass die Bedürfnisse anderer Abteilungen oder gar der Kunden vollkommen irrelevant sind. Autonomie für Mitarbeiter bedeutet, sie selbst entscheiden zu lassen, wann sie ihre Arbeit tun (time), was sie tun (task), wie sie ihre Arbeit tun (technique) oder mit wem sie ihre Arbeit tun (team). Das wird sicherlich nicht immer und in jedem Fall umsetzbar sein (dann wäre es ja auch wieder vollkommene Unabhängigkeit), doch zumindest solltest Du die Freiheiten und Möglichkeiten, die tatsächlich umsetzbar sind, auch wirklich realisieren. Viele Optionen werden Mitarbeitern schlichtweg verwehrt, weil Führungskräfte Kontrollverlust befürchten.

Wenn Du möchtest, kannst Du ja mal einen kleinen Autonomie-Test auf der Webseite von Dan Pink machen!

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Von |2018-09-11T13:55:11+00:0019. Juni 2017|Kategorien: Motivation, Organisationsentwicklung|Schlagworte: , |3 Kommentare

Über den Autoren:

Ich glaube an eine Arbeitswelt, in der Menschen darauf brennen, am Montag endlich wieder zur Arbeit gehen zu dürfen. Deshalb helfe ich Menschen, Unternehmen und Organisationen, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass sich Motivation und Engagement entfalten können.

3 Kommentare

  1. Dagmar Dörner 10. Oktober 2017 um 21:43 Uhr - Antworten

    Hey Lars,
    danke für diese Unterscheidung! Ich kann mir gut vorstellen, dass das ein guter Zugang ist, um die ein- oder andere „Manager-Angst“ abzubauen.
    LIeben Gruß
    Dagmar

  2. […] Artikel Autonomie verstehen habe ich vor ein paar Wochen einige Worte darüber verloren, was Selbstbestimmung (wirklich) ist. […]

  3. […] Wenn Du mehr zum Unterschied zwischen Autonomie und Unabhängigkeit wissen möchtest, empfehle ich Dir meinen Artikel Autonomie verstehen. […]

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