Ausgangspunkt dieses Artikels ist ein interessantes Unterfangen der Abfallwirtschaftsbetriebe (AWM) in unserem schönen Münster. Mit vielen Aktionen versuchen sie, die Menschen dazu zu bringen, mit dem anfallenden Müll sorgsam umzugehen (kein Plastik in die Biotonne, keinen Müll einfach wegschmeißen). Eine Aktion fand ich besonders bemerkenswert:

Rund um unseren Spaziersee (Aasee) fanden am 1. Mai zahllose Happenings und Treffen statt. Um die Aufmerksamkeit auf die daraus resultierenden Müllberge zu lenken, räumten die AWM Mitarbeiter diese nicht wie sonst am frühen Morgen weg, damit bloß keiner dieses Chaos sieht, sondern erst am Nachmittag. „Tolle Aktion!“, dachte ich noch. Sie führen den Menschen vor Augen, wie die Welt (oder zumindest ein klitzekleiner Teil) aussieht, wenn wir uns weiter so benehmen wie bisher. Alle waren (zu Recht) derart schockiert über die Müllberge, die ja nun gut zu sehen waren, dass die Diskussion weitergeht, wie man so etwas verhindern kann. Die ersten Stimmen fordern… Na was? Bußgelder natürlich. Klar, denkt man sich. Funktioniert ja auch im Straßenverkehr. Fährt jemand zu schnell und wird erwischt, zahlt er. Erziehung durch Strafe also. Reinster Behaviorismus.

Durch eine positive Bestrafung – positiv meint hier hinzugefügt – in der ein bestimmtes Verhalten eine unangenehme Konsequenz zur Folge hat, versucht man also die Wahrscheinlichkeit dieses Verhaltens zu reduzieren. Noch genauer gesagt, handelt es sich hierbei um ein sogenanntes Bestrafungslernen im Sinne des instrumentellen Lernens: Ich biete eine unangenehme (aversive) Konsequenz an, um ein bestimmtes Verhalten zu reduzieren.

Wem das jetzt aus der Kindererziehung bekannt vorkommt, der hat leider vollkommen Recht: „Wenn Du nicht Dein Zimmer aufräumst, bekommst Du Hausarrest.“ Ist unkompliziert und funktioniert meistens wunderbar. Etwas anders verhält es sich beim Verlustlernen. Hier entziehe ich eine angenehme (appetive) Konsequenz, wenn das Verhalten nicht dem von mir Erwarteten entspricht und ich dieses demnach reduzieren möchte. Man spricht hierbei auch von einer negativen Bestrafung. Wem das jetzt wiederum aus seinem Arbeitsalltag bekannt vorkommt, der hat leider ebenfalls vollkommen Recht: „Wenn Du nicht so handelst, wie ich es möchte, bekommst Du keinen Bonus/bekommst Du die versprochene Beförderung nicht.“ Auch hier, seien wir doch mal ehrlich, funktioniert der Ansatz. Der eine oder andere Nudge in die richtige Richtung, kann ja manchmal nicht schaden.

Es bleibt also festzuhalten: grundsätzlich funktioniert Behaviorismus und ist ein einfacher Weg, wenn ich denn die Macht habe, diese Konsequenzen anzudrohen und durchzusetzen. Manchmal, wie im Beispiel des Straßenverkehrs, ist es auch gut, dieses Prinzip anzuwenden, denn wer will schon von einem Raser überfahren werden?

Ein großer Mangel dieses didaktischen Prinzips ist es jedoch, dass es vollkommen den Geist, das Wesen des Menschen vernachlässigt. Alles, was sich in unserem Kopf abspielt, bleibt als Blackbox vollkommen unbeachtet. Was wir wollen, wer wir sind, ist egal. Behaviorismus zielt lediglich auf das ab, was Daniel Pink in seinem Buch Drive Motivation 2.0 nennt: Zuckerbrot und Peitsche. Mit der Motivation, die Edward Deci im Sinne hat, hat das Ganze aber nichts zu tun.

Wie kommt es also, dass wir auf der einen Seite Behaviorismus in der Arbeitswelt ausmerzen möchten, uns aber auf der anderen Seite Regeln, die auf diesem didaktischen Prinzip beruhen, als Erstes einfallen, wenn wir ein nicht erwünschtes Verhalten wahrnehmen?

Ich glaube, es gibt noch viel zu tun. Denn unser Privat- und unser Arbeitsleben sollen ja auf positive Art und Weise künftig miteinander verknüpft sein. Wenn wir jedoch das Eine anders bewerten als das Andere, ist dann nicht ein Scheitern vorprogrammiert?

Wie seht ihr das?