10 Fragen an: Inga Höltmann

  • Inga Höltmann Accelerate Academy (Photo by Axel Kuhlmann)

10 Fragen an: Inga Höltmann

Nächste Woche Mittwoch startet in Hannover der erste Workshop Digitale Transformation von Inga Höltmann. Grund genug für mich, ihr einmal einige Fragen darüber zu stellen, worum es dabei geht und was die Journalistin antreibt.

  • Hallo Inga, vielen Dank, dass Du Dir Zeit genommen hast, ein paar Fragen zu beantworten. Vielleicht kannst Du uns zu Beginn ein wenig über Dich erzählen: Wer bist Du und was treibt Dich an?

Danke für die Einladung! Ich freue mich sehr darüber.

Ich bin Journalistin und Gründerin und beschäftige mich seit Jahren mit den Themen Neue Arbeit und moderne Führung – zwei Themen, die für mich eng miteinander verschränkt sind, denn das eine geht nicht ohne das andere. Aus meiner journalistischen Beschäftigung mit diesen Themen heraus ist auch das Bedürfnis entstanden, die Accelerate Academy zu gründen: Ein Ort, an dem es um neues Lernen für eine neue Arbeitswelt geht. Denn Patentrezepte oder einfache Lösungen gibt es nicht mehr.

Wenn wir in Zukunft (hoffentlich) alle kollaborativ und vernetzt arbeiten, dann sollten wir auch so lernen. Mit der Accelerate Academy unterstützen wir Unternehmen dabei, ganz neu zu lernen. Ein wichtiger Bestandteil davon ist Kommunikation und Verständnis – nach innen und nach außen. Wir helfen zu übersetzen und zeigen Wege auf, wie sich Wissen und Erkenntnis in die Organisation bringen lassen. Aber auch, wie sich diese Geschichten authentisch nach außen kommunizieren lassen – viele Unternehmen wissen längst, wie schwer es heute schon ist, durch das Rauschen zu dringen.

  • New Work ist ja ein sehr facettenreicher Begriff und wird aktuell fleißig aus vielen verschiedenen Perspektiven diskutiert. Was ist New Work für Dich?

Für mich geht es bei New Work darum, das Unternehmen und die Arbeit zukunftsfähig zu machen – ökonomisch erfolgreich, aber auch nachhaltig und human. Einer der Treiber ist die Digitalisierung. Das heißt: Ich kann New Work vielleicht doof finden oder momentan zu „trendy“, aber am Ende werde ich nicht darum herumkommen, mich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.

Neues Arbeiten heißt, unsere Arbeit endlich wieder zurück zu uns Menschen zu bekommen und Raum für unsere Bedürfnisse und Kompetenzen zu schaffen. Das führt dazu, dass wir neue Arten erfinden, miteinander zu arbeiten – zum Beispiel räumlich oder zeitlich flexibel oder unter Anwendung neuer Technologien. Grundlegend für Neue Arbeit ist die Haltung, dass wir bereit sind, Dinge auszuprobieren und uns auch von Rückschlägen nicht entmutigen lassen, sondern sie als Teil des Prozesses anzunehmen.

Eng verknüpft ist damit für mich neues Führungsverständnis. Ich nenne diese Art zu führen Digital Leadership, denn sie ist die intelligente und lernwillige Führung für das digitale Zeitalter. Bei dieser Führung geht es nicht um den Chef und darum Aufgaben zu delegieren und ihre Erledigung zu kontrollieren, sondern die Mitarbeiter stehen bedingungslos im Zentrum.

Dieser Podcast war eine Idee, die zwischen mir und meiner Vorgesetzten entstanden ist. Für mich war klar, dass sich der Podcast um Neue Arbeit und spannende Organisationsformen drehen musste – ich wollte Vordenker und inspirierende Macher sichtbar machen, aber auch wichtige Fragen adressieren. Da draußen passiert viel, aber Unternehmen haben oft noch Probleme oder Scheu zu erzählen, was sie machen. Oder sie wissen nicht, wen sie fragen sollen, wenn sie sich auf den Weg machen. Dabei ist es doch so wichtig, dass wir diese Erfahrungen miteinander teilen und sie zugänglich machen.

  • Viele New Worker bedienen sich sehr oft altbekannter ökonomischer/kapitalistischer Argumentationsmuster, um ihre Ideen „an den Mann zu bringen“. Da liest oder hört man dann solche Dinge wie: „Die Neue Arbeit ist auch wirtschaftlich betrachtet profitabel für ein Unternehmen“ oder „Demokratische Strukturen in Ihrem Unternehmen erzeugen engagiertere Mitarbeiter und dadurch auch mehr Leistung (Profit)“. Wie stehst Du zu solchen Argumenten?

Ich denke, dass man die Menschen da abholen muss, wo sie stehen. Und wenn der Türöffner ist, dass es sich auch rechnet, soll es mir recht sein. Aber es ist mir sehr ernst, wenn ich sage, dass wir dieses Verständnis von neuer Arbeit auch in eine neue Idee unserer Gesellschaft einbetten müssen, denn Arbeit ist nichts, was isoliert von uns oder von der Gesellschaft stattfindet. Wenn wir Ungerechtigkeiten in Unternehmen haben wie zum Beispiel die Gender Pay Gap, dann sind das Schieflagen, die sich auch anderswo in der Gesellschaft wiederfinden.

Aber an diesem Punkt sind wir vielleicht noch nicht, und das ist vollkommen in Ordnung. Schritt für Schritt. Das ist eine Reise, auf die wir uns da machen, jedes einzelne Unternehmen, jedes in seiner eigenen Geschwindigkeit. Und wenn wir erst einmal in den alten Logiken anfangen Dinge zu verändern,  dann ist das besser, als gar nicht anzufangen.

Aber ich denke auch: Am Ende des Tages muss es sich auch rechnen. Sonst ist Neue Arbeit nicht nachhaltig. Doch ich denke, dass sie das auch sein wird – es sollte nur nicht unser einziger Beweggrund sein, uns auf diesen Weg zu begeben.

  • Ich selbst gewinne manchmal den Eindruck, die „New-Work-Szene“ ist doch ziemlich überschaubar, sehr stark untereinander, aber weniger stark nach außen vernetzt und kann deshalb – trotz ihrer sehr guten Ideen und Ansätze – bisher recht wenig Wirkung in der „realen Wirtschaft“ erzeugen. Wie stehst Du dazu?

Ich sehe in den Unternehmen viel Ratlosigkeit. Sie wissen, dass sie irgendetwas tun müssen, wissen aber nicht so recht, wie sie das anstellen sollen. Oder sie probieren tolle Sachen aus, aber es fällt ihnen schwer, das nach innen zu erklären und nach außen zu erzählen. Kommunikation ist der Schlüssel und die verändert sich gerade dramatisch, viele straucheln da – und da darf man sich auch Unterstützung holen. Und diese Kommunikation läuft über Vernetzung – über Sektorengrenzen hinweg. Ich empfinde das ganz ähnlich, manchmal mangelt es da an Verbindung oder es gibt Missverständnisse, doch zum Glück gibt es auch Übersetzungsangebote wie unseres.

Diese Sprachlosigkeit bei allen Worten, die gemacht werden, geht aber auch in die andere Richtung. Wenn das, was Du als „New Work Szene“ beschreibst, zu selbstreferenziell ist und zu wenig Wirkung entfaltet, dann haut auch hier etwas mit der Kommunikation nicht hin. Momentan bin ich da aber noch nicht übermäßig besorgt. Das ist ein Prozess, in dem wir uns befinden, und ich bin eine Akteurin, die sich kümmert – zum Glück eine von gar nicht so wenigen.

  • Mit der Accelerate Academy hast Du nun eine eigene Plattform gegründet, die unter anderem Veranstaltung zu New-Work-Themen anbietet. Ist die Accelerate Academy eine Fortführung Deines New-Work-Podcasts auf anderer Ebene? Was steckt hinter diesem Projekt?

Fortführung des Podcasts trifft es vielleicht nicht ganz. Ich empfinde es eher so, dass es verschiedene Facetten sind, die aus demselben Bedürfnis entspringen: einen Dialog zu fördern und ihn zu moderieren – Kommunikation findet ja auf so vielen Ebenen und an so vielen unterschiedlichen Orten statt.

Tatsächlich hast Du aber die richtige Intuition: Im Kern geht es mir um den Austausch. Ich bin in den Journalismus gegangen, weil ich gesellschaftliche Debatten mitgestalten wollte. Das kann ich tun, indem ich über Dinge schreibe oder andere Menschen zu Wort kommen lasse. Doch dieser Dialog findet auch im kleinen Kreis in den Unternehmen oder in etwas größerem Kreis auf Veranstaltungen statt. Insofern ist das alles eng verbunden, ja.

Es geht mir um Kommunikation und Austausch und ums miteinander Lernen. Es ist mir wichtig, dass wir über das Netzwerken hinauskommen und wirklich miteinander arbeiten – die Zeit des lockeren Netzwerkens mit dem Glas Wein in der Hand ist vorbei, jetzt muss es darum gehen, stabile Beziehungen aufzubauen und ins Tun zu kommen. Ich weiß nicht, auf wie vielen Netzwerkveranstaltungen ich war, auf denen ich tolle Gespräche hatte und man dann zu dem Schluss kommt, man müsse mal was miteinander machen – und man dann auseinander geht und nicht viel passiert. Wir haben lange genug Zeit mit sowas verplempert. Das liegt aber nicht unbedingt an den Menschen, sondern es liegt auch daran, dass es bestimmte Strukturen noch nicht gibt, auch innerhalb der Unternehmen nicht. Jetzt braucht es ein klares Commitment, Unternehmen müssen sich öffnen und durchlässiger werden – und wir endlich ins Machen kommen. Das ist mir ein Herzensanliegen.

In Hannover zum Beispiel werden wir einen ganzen Tag miteinander arbeiten und wir planen auch gerade weitere Veranstaltungen in Berlin, München oder Frankfurt mit Partnern wie Steelcase oder Microsoft. Da geht es um Themen wie moderne Führung (mit Microsoft in Berlin) oder Arbeitsräume der Zukunft (mit Steelcase in München). In Hannover wird es um den New Work Canvas gehen; eine Methode, die ich an Anlehnung an den Business Model Canvas entwickelt habe. Der Business Model Canvas kommt aus der Start-up-Welt und ist wie ein Business-Plan auf einen Blick – ganz strukturiert leitet er durch die relevanten Fragen vor einer Unternehmensgründung. Diese Idee des strukturierten und geleiteten Denkens habe ich adaptiert und auf Neue Arbeit übertragen.

  • Wie kann ich mir diesen Workshop mit dem „New Work Canvas“ konkret vorstellen und wie sieht ein (mögliches) Ergebnis für einen Teilnehmer aus?

Ich freue mich schon sehr auf unseren Tag in Hannover. Zuerst werden wir darüber sprechen, was Neue Arbeit ist und ich werde auch aus den Unternehmen erzählen, in die ich Einblick habe, was die ausprobieren und ob das funktioniert. Der Workshop ist für Angestellte und Selbständige gleichermaßen – alle, die sehen, dass immer mehr Aufgaben auf ihrem Tisch landen, dass sich ihre Arbeit verändert und die merken, dass auch sie sich verändern müssen, aber noch nicht so richtig wissen, wie das gehen soll.

Anschließend werden wir mit dem New Work Canvas arbeiten. Mit ihm können Mitarbeiter oder auch ganze Teams gemeinsam erarbeiten, was Neue Arbeit überhaupt ist, wo Schwierigkeiten oder Herausforderungen liegen, und was Lösungsansätze sein könnten. Er hilft zusammenzutragen, was man mal ausprobieren könnte und was man dazu braucht. Der New Work Canvas leitet durch wichtige Fragen hindurch und hilft, eine Roadmap zu entwerfen. Er deckt dabei drei Felder ab: Zuerst die Vision, wie will ich eigentlich arbeiten, was muss sich ändern? Danach geht es um die Ressourcen, die man schon hat oder die man noch braucht – Führungsqualitäten, Netzwerk oder vielleicht auch ganz einfach das Wissen über bestimmte Dinge. Und schließlich geht es um den Weg und die Umsetzung: Was könnten erste Ziele sein? Und wie setzen wir sie um?

  • Tim Themann hat auf seinem Blog die-computermaler.de mal einen spannenden Artikel geschrieben, in dem er davor warnt, dass ein Canvas auch zu sogenanntem Tütensuppen-Denken verführen kann. So verleitet ein Canvas beispielsweise schnell dazu, darin Fehlendes nicht zu bemerken und selbst die Reihenfolge oder Größe der Formularfelder beeinflusst sehr stark, was man letztlich auf einem Canvas festhält. Wie seid Ihr bei der Erstellung Eures Canvas‘ mit solchen Methoden-Problemen umgegangen? Gab’s echte Knackpunkte, die Euch Kopfzerbrechen gemacht haben?

Das ist eine sehr spannende Frage! Tatsächlich ist so ein Canvas nichts, was einen Transformationsprozess von Anfang bis Ende gestalten kann. Das soll er aber auch gar nicht. Mein New Work Canvas ist so gestaltet, dass er wichtige Fragen stellt und Trigger setzt. Er hilft erst einmal herauszubekommen, was die richtigen nächsten Schritte sind. Und zwischendrin hilft er immer wieder, den Fortschritt zu überprüfen und zu checken, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Es unterstützt darin, sich zu sortieren, Sachverhalte aufzuschreiben oder zu –malen und sie vor sich zu sehen. Und ich bemerke in meiner Arbeit immer wieder: Das ist das, was viele jetzt gerade brauchen. Nicht umsonst wird er so stark nachgefragt.

  • Stell Dir vor, Du würdest alles umsetzen können, was Du Dir aktuell zum Ziel machst. Wie sähe die Arbeitswelt dann aus?

Dann hätten wir eine Arbeitswelt, in der wir arbeiten können, wie es zu unseren Fähigkeiten und Bedürfnissen passt, flexibel, human und nachhaltig – zukunftsgewandt eben, und wertschätzend.

Vielen Dank, Inga, dass Du Dir Zeit genommen hast, die Fragen zu beantworten. Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg mit der Accelerate Academy und allen zukünftigen Projekten!

Photo Credit: Axel Kuhlmann

Von |2018-06-29T14:13:57+00:0016. April 2018|Kategorien: 10 Fragen an, Organisationsentwicklung|Tags: , , |0 Kommentare

Über den Autoren:

Ich glaube an eine Arbeitswelt, in der Menschen darauf brennen, am Montag endlich wieder zur Arbeit gehen zu dürfen. Deshalb inspiriere ich Menschen, Unternehmen und Organisationen, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass sich Motivation und Engagement entfalten können.

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